Dienstag, 13. Juni 2017

Seidhr Teil 2 „Sie saßen draußen herum und taten es einfach“

Im 2. Teil unseres Artikels über Seidhr / Seidr liegt der Fokus auf der Interaktion mit den Finnen und Samen und deren religiösen und schamanischen Praktiken. Teil 1 sollten Sie zuvor lesen.

Oft wird behauptet, der uns bekannte skandinavische Seidhr der Eisenzeit sei eine direkte und mehr oder weniger direkte Folge des Kontakts und Kulturaustauschs der Nordmänner und -frauen mit den Finnen und Sámi. Diese hätten ihre schamanische Tradition als magische Dienstleister an die Skandinavier weitergegeben und einen genuinen nordisch-germanischen Seidhr in der von uns beschriebenen Form, siehe Teil 1, hier in englisch hätte es so nicht gegeben. Hierzu werden die üblichen Trancetheorien herbeigezogen, die sich im wesentlichen darauf beziehen, dass Seidhr etwas mit Schütteltrance grundsätzlich zu tun haben soll und dieses kulturübergreifend sei, z.B. auch im karibischen Voodookult etc. wie es z.B. Jan Fries in Seidways versuchte und was fleissig kolportiert wurde. Dies ist etwas oberflächlich und so nicht richtig, der nordisch-germanische Seidhr, eine sehr spezialisierte magische Technik, unterscheidet sich, vorab vermerkt, auch grundsätzlich von den schamanischen Techniken der Finnen und Sámi. Wir haben in Teil 1 klargestellt aufgrunde der skandinavischen Literatur und der Sagas dass es sich bei Seidhr bzw. Seidr um eine Form der Magie handelt um anderen Menschen zu schaden, sie zu manipulieren (schwarzer Seidhr) oder um die Zukunft vorauszusagen, sowie das Wetter und die Ernten und auch diese günstig zu stimmen. (weisser Seidhr) .

Wir wollen hier aber herausarbeiten, worin Unterschiede und Gemeinsamkeiten bestehen und wodurch diese Theorie der kulturellen Übertragung entstanden sein könnte. Zunächst ist es sehr auffällig, dass die Kunst des Seidhr immer wieder und am häufigsten mit Halogaland und der Finnmark in Norwegen und auch dem eher imaginierten „Finnland“ in Verbindung gebracht wird, weil von dort die meisten Berichte vorliegen und sehr viele Praktiker zu Hause waren und viele Sámi und „Finnen“. Von dort gibt es dann auch die eher blutrünstigen Geschichten über Rögnvaldr Rettilbeini zu berichten, der dort wegen seiner beruflichen Seidhr Tätigkeit mit 80 seiner Kollegen verbrannt wurde von seinem Vater, König Harald, im heidnischen Kontext wohlgemerkt, eben weil dieser König Harald Seidhmen hasste.  Dieser hatte eine Sámi Ehefrau und Rögnvaldrs Enkelsohn Eyvindr Kelda wurde wegen seiner Tätigkeit als Seidhmadr ebenfalls von König Olaf Tryggvason exekutiert. Dieser hatte ebenfalls bedeutende Beziehungen zu den Sámi. Wir wollen hier aber sehen, ob nicht grade der Bezug zu den Sámi, die berüchtigte "Sámi Connection" eher vordergründig ist und mißdeutet wurde, denn deren Schamanismus galt sehr stark der Heilung von Kranken und dient dem Wohl der  Gruppe. Beide Bilder im Artikel zeigen übrigend samische Schamanentrommeln und haben nichts mit Seidhr zu tun, da man dort nicht trommelte.

Andererseits gibt es aber auch jede Menge Geschichten, warum der Seidhr von den Nordmännern und -frauen bis nach Grönland und Island exportiert wurde und sich dort eines zwielichtig-makaberen bis eher selten wohlmeinenden Ansehens erfreute, wie wir in Teil 1 beschrieben. So hat die Siedlerin Thuridr Sundafyllir, gebürtig in Halogaland, die Kunst entwickelt, mittels Seidhr so viele Fische zu fangen wie sie wollte und ihr Heim in Island quoll immer über vom Fischfang, was sicher nicht ungern gesehen wurde und auch eine typischen Seidhr-Variante ist, die aber bislang vernachlässigt wurde. Ein christlicher Bezug wird im übrigen von uns auf das Schärfste verleugnet und abgelehnt, nein, Snorri oder wer auch immer hatten nicht den Joshua im Sinne bei der Geschichte über die Fischvermehrung.  ;-)


Seidkonas und tietätjä

Aber zurück zu den Grundlagen und die betreffen die Definition des Seidhr Rituals und dieses besagt, dass es entweder der Divination oder der Manipulation vor allem von Menschen aber auch der Natur diente, wobei Ersteres dem weißen Seidhr und zweites eher dem schwarzen Seidhr zugeordnet wird, wobei die Manipulation von Naturgewalten, um Fische zu fangen z.B. für die Menschen eher positiv, für die Fische aber negativ zu deuten sein könnte, deshalb könte man dies insgesamt zum weissen Seidhr rechnen, wobei diese Unterscheidungen eh eher akademischer Natur sind. Die Manipulation der Natur  ist auch ein wichtiger, aber in der Forschung vernachlässigter Bereich des Seidhr, so wurden wie gesagt Fischfang und Meeresstürme, Nebel damit manipuliert. So war das Fischerglück der Thurid auf Island sicher positiv angesehen und auch gerne gesehen, aber das erzeugen magischen Nebels in Westnorwegen, damit 120 Seidhmen ein Dorf dort überfallen konnten tiefschwarz. Davon zeugen noch heute im 21. Jahrhundert Hinweistafeln vor Ort, die mit üblen Beschimpfungen der lokalen Bevölkerung in Richtung Seidhmen verziert sind, die man übrigens damals direkt vor Ort alle ersäufte, auch noch nach 1200 Jahren. Dies kann ebensowenig wegrelativiert werden, wie die tiefe Abneigung der heutigen Nordmänner in Norwegen durchwegs gegen Seidhr, wie auch der Runenstein von Skjern mit einem Fluch gegen Seidhmen verziert ist.

Diese aus heutiger Sicht recht exakte Tätigkeitsbeschreibung der Seidhkonas und Seidhmadres entspricht in wichtigen Bereichen nicht dem Tätigkeitsfeld der samischen und finno-ugrischen Schamanen, der noaide bzw. finnisch noita oder tietätjä.
Deren Tätigkeitbereich ist überwiegend im heilenden Kontext angesiedelt, neben der Divination in geringerem Masse. Dazu bedienten und bedient man sich einiger Element, die auch die Seidhrleute verwandten, z.B. Kostüm und Trance. Aber die Trance wurde fast immer durch die Trommel und ihren rhythmischen Klang erreicht, die Schamanen waren überwiegend männlich, die Seidhrleute überwiegend weiblich oder Homosexuelle. Wir haben bis heute keinerlei Beweis, das die Seidhrleute jemals eine Trommel besaßen oder benutzt haben - ein wichtiges Unterscheidungskriterium.

Die überwiegend weiblichen Seidhrleute, die Seidhkonas, gerieten durch den sog. Vardlokkur bzw. andere Gesänge wie galdr bzw. Hyperventilation in einen Geisterkontakt, den ich aber auch von einer schamanischen Reise abgrenzen würde. Die Seidhr Trance lockt doch eher durch süße Klänge Götter und Geister herbei, die dann gesendet, eingesetzt und manipuliert werden können.
Es ist richtig, dass der finnische tietäjä auch neben Heiltätigkeiten, wie auch bei den Sámi, die noch viel stärker im Heilbereich arbeiten, für die Divination und die Beeinflussung von Geistern angeheuert werden konnte, wichtig ist aber für unsere Entwicklung des Seidhr Begriffes , dass der Seidhr keinerlei heilende Behandlung und Heilung beinhaltete. Sondern im Gegenteil, er konnte neben den Opfern des schwarzen Seidhr nicht nur die Seidhkona krank machen oder gar töten, was auch geschah, sondern auch ganze Gruppen, die z.B. ihren Gesang zur Verfügung stellten auf Wochen oder Monate negativ beeinflussen, wenn auch nur eine Kleinigkeit schief ging.



Die Tücken des Seidhr für seine Praktiker

Die Ethnologin Jenny Blain hat in ihrem Buch Seidr davon berichtet und gewarnt, dass wenn auch nur ein einziges Mitglied des Kreises, der den vardlokkur oder den galdr singt nicht die Richtige ist oder ein Geistwesen sich an ihr stoße, dass dann länger dauernde Krankheiten der Gruppe folgen können oder eine Änderung des Wyrds der ganzen Gruppe, die wiederum äußerst intensive Behandlung benötigen, die im 21. Jahrhundert nur äußerst schwer beizubringen ist, da die Spezialisten ausgerottet wurden und auch entsprechende Opferpriester, die etwas tun könnten, rar sind. Zudem ist es neben solcher schwerer und bedrohlicher Krisen auch für eher normal gestrickte Bürgerinnen und Bürger u.U. nur schwer einzuordnen und zu verarbeiten, wenn, wie Jenny Blain wörtlich schreibt, z.B. der Gott Heimdall auf einmal mit im Kreis steht oder mit in der finnischen Sauna sitzt, um hier einen der angenehmen Zeitgenossen zu nennen, die eventuell auftauchen könnten. Dies sollten Mann und Frau wissen, bevor er oder sie sich auch auf Orakel-Seidhr einlässt. Ansonsten ist aber gegen den Orakel Seidhr nichts einzuwenden, es sei denn ein(e) Beteiligte habe eine allergische Disposition gegenüber Kontakten zu Göttern und Geistern bzw. sie sind sich nicht über die Folgen eines plötzlich veränderten Wyrds im voraus im Klaren.

Weiterhin warnen wir aber ausdrücklich vor dem sogenannten Helweg, bei dem Reisen in das Reich der Totengöttin Hel durchgeführt werden. Diese sind nicht nur gefährlich und machen keinen Sinn, sondern waren auch bei den eisenzeitlichen Ahnen undenkbar und stellen evtl. lediglich eine Vermischung mit neueren Core-schamanischen Vorstellungen dar. Es besteht wie bei gewissen schamanischen  Arbeiten mit Totengeistern übrigens auch, aber in veränderter Weise, die Gefahr real physisch zu versterben und dann eventuell in Helheim zu verbleiben. Oder aber von einem Totengeist besetzt zu werden, denn dies ist auch bei angeblich harmlosen "Core" schamanischen Reisen "in die Unterwelt" möglich, die interessanterweise den samischen und finnischen Vorstellungen von deren Totenreichen weitgehend entsprechen mit den Höhlen unter den heiligen Bergen z.B.. Wer einmal Personen erlebt hat, die plötzlich von einem unerwünschten Ahnengeist besessen waren und dies über Monate und Jahre mit sich herumtragen mussten, weiß wovon die Rede ist und wir sorgen uns um die "Chuzpe" mit denen dies weiterhin als vollkommen harmlos jedermann und jederfrau unterrichtet wird und stellen uns auch die Frage, warum diese "Unterweltreisen" im gängigen Core Schamanismus grundsätzlich als erste und leichteste und harmloseste Disziplin gelehrt werden. 
Dies auch, um unsere Versprechen aus Teil 1 zu erfüllen, zu sagen, was Sie besser nicht tun sollten.


Eine These zum Schluss:

Was bislang wenig beachtet wurde im gesamten Seidhr-Komplex ist die Bedeutung des Ahnenkultes und der Umgang mit Toten und Totengeistern in der samischen, finno-ugrischen und skandinavischen Kultur der Eisenzeit. Und genau darin liegt unserer Meinung nach ein Kernpunkt des Kulturaustauschs im Seidhr-Kontext. Sowohl die Sámi als auch die „Finnen“ unterhielten einen sehr umfangreichen Ahnenkult und die finnischen Schamanen leiteten die Toten zu unterirdischen Bereichen und Gängen unter heiligen Bergen. Die Sami besaßen und besitzen mE sogar die Kenntnis von der Wiedergeburt, nach der sich die Geister der Toten reinkarnieren können. Hier ist aber wichtig, sowohl bei Sami als auch bei Finnen die Totengeister als essentiell wichtige Wächter für die Lebenden gelten, die geehrt werden und zwar sehr umfangreich. Es gab aber auch die verfluchten Ahnen, die für ihre Untaten gebannt wurden und zu umherirrenden Geistern wurden. So ist die Verletzlichkeit von Menschen durch Geister solcher Toten z.B. ein hervorstechendes Kernmerkmal der finnischen Religion der Eisenzeit.

Und unsere These lautet hier, die wir zur Diskussion stellen, wie immer, dass sich die skandinavischen Seidhrleute genau hier einhakten und mit Geistern auch solcher Toten schwarzen Seidhr betrieben, bzw. sich die Kenntnisse beim Umgang mit vor allem „den Finnen“ d.h. finno-ugrischen Gruppen besorgten. Und sicherlich gab es auch finnische tietäjä, die darin sehr bewandert waren und sich eines „schwarzen Schamanismus“ befleißigten. Denn diese umherirrenden Totengeister gelten als die am einfachsten zu manipuilierenden Geistwesen und Geistwesen sollen eben die Charaktereigenschaften der zuvor lebenden Person weitertragen. Betrachtet man sich den Status der schwarzen Seidhrleute als meist käufliche Magiesöldner, meist im ergi Status, dann könnte es naheliegen, dass man sich genau dort bedient hat: bei den verbannten Totengeistern, eventuell mit dem Know How anderer ausländischer Magiespezialisten - so klingen auch einige Berichte aus den Sagas über die Übergriffe auf die Opfer, siehe Teil 1 hierzu.

Der durchgängig zumindest zwielichtige Ruf der Seidhkonas und Seidhmadres in Skandinavien, mit Ausnahme einiger Orakel-Seidhr Expertinnen, wohlgemerkt nicht zu verwechseln mit den wesentlich besser angesehenen Spakonas, Spamadres und Valas und Völvas, ist unserer Meinung mit bedingt durch die Kenntnisse der Manipulation von Totengeistern verfluchter Ahnen und deren Einsatz gegen Opfer. Und dafür saß man eben auch gerne draußen an den Hügelgräbern herum, was schon zur heidnischen Zeit sehr ungern gesehen und später hart bestraft wurde. 

Magische Törungen und das Irremachen und Verfolgen von Opfern war auch in den skandinavischen Gesellschaften der Eisenzeit ein schweres Verbrechen, das zudem der offiziellen Ethik des offenen Kampfes und des Friedens und der Ehre und des Heils widersprach. Und genau dies verursachte u.a. den ergi Status der Seidhleute. Wer dies relativieren will, möge dies tun, wir tun dieses nicht. Zudem ist das Phänomen Seidr / Seidhr nur eine Randerscheinung in der spirituellen und magischen Welt der germanischen Gruppen gewesen. Es gibt dort sicher noch sehr viel über Phänomene wie Völven, Valas und Spa bzw. über die Krankenheilung mittels Zaubersprüchen und galdr und auch mit Kräutern etc. zu erforschen, die auch um das Zentrum des gesellschaftlichen Geschehens formiert waren, Anerkennung genossen und nicht als ergi galten. 
Und dies sollten wir auch tun, statt ständig Rapporte oder gar generelle Übereinstimmungen zwischen einer marginaliserten Technik wie Seidhr und der germanisch-nordischen Spiritualität per se herzustellen.


Deshalb zum Schluss noch ein Beispiel von spiritueller Heiltätigkeit im Kontext der germanisch-nordischen Valas und Völven, jenseits des Seidhr, ein Ausschnitt aus dem Oddrúnargrátr, in dem eine magische Interaktion mittels Zaubersprüchen für schwere Entbindungen beschrieben wird. Eine christliche Interpretation oder Beeinflussung dieses Edda Gedichtes aus dem Codex Regius wird weitestgehend von uns bestritten.

Oddrun hat die Zaubersprüche für Borgny gesprochen, um die Entbindung zu ermöglichen:
  
rict gól Oddrvn,
rammt gól Oddrvn
bitra galdra
at Borgnyio.

Übers:
With magic Oddrun | and mightily Oddrun
Chanted for Borgny | potent charms.

Und Borgny dankt ihr:

Knatti męr oc mꜹgr
moldveg sporna,
born þꜹ in bliþo
viþ bana Hꜹgna;
þat nam at męla
męr fiorsivka,
sva at hon ecci qvaþ
orþ iþ fyrra:

Sva hialpi þer
hollar vettir,
Frigg oc Freyia
oc fleiri goð,
sem þv feldir mer
fár af hondom!“

Übers:

At last were born | a boy and girl,
Son and daughter | of Hogni's slayer;
Then speech the woman | so weak began,
Nor said she aught | ere this she spake:

"So may the holy | ones thee help,
Frigg and Freyja | and favoring gods,
As thou hast saved me | from despair now."






Quellen:

Dubois: Nordic religions in the Viking age
Jenny Blain: Seidr
Jan Fries: Seidways
Oddrúnargrátr


Bilder.

Schamanische Trommel der Sámi, Bindal, Nordland, Norwegen, 1925, gemeinfreie Lizenz

Sàmi Schamane von Meraker Nord-Trondelag, 18. Jahdt., gemeinfreie Lizenz

Samstag, 22. April 2017

Die Matronenverehrung - lebendiges Heidentum

In der Eifel, in der Nähe von Euskirchen, befinden sich bei den Orten Nettersheim, Pesch und Zingsheim wahrscheinlich die bedeutendsten Tempel der Matronenverehrung überhaupt –  die meisten Matronentempel wurden durch Kirchen und (Marien)-Kapellen überbaut oder auch ganz weggebaggert.Das Besondere dabei ist, dass es sich wohl um einige der ganz wenigen, wenn nicht vielleicht die einzigen Plätze einer durchgängigen  heidnischen Verehrung seit mehr als 2500 Jahren handelt. Die abgelegene und idyllische Lage mit heiligem Hain bot anscheinend wenig Anreiz für eine Christianisierung mit kirchlicher Überbauung.

Das hauptsächliche Anwendungsgebiet (bei den Aufanien) ist die Abwehr ungerechter Schädiger und eine positive Änderung des Wyrds der Opfernden. Sonst werden Fruchtbarkeit und Schutz des Landes genannt. Wichtiges Element des Matronen-Blót s sind die Gelübde. Die Votivsteine mit den niedergeschrieben Gelübden römischer Offiziere, reicher Spender für die Tempel meist, zeugen davon.
Diese germanischen und keltisch-germanischen Göttinnen der Stämme der Vacali, der Eburonen und Ubier u.v.a.Matronen bei Wikipedia - also germanischer und keltisch-germanischer Stämme wurden auch von römischen Soldaten fleißig beopfert und verehrt. Ein bekanntes Merkmal des römischen Heidentums, auch fremden Göttern zu opfern und diese mit eigenen Göttern gleichzusetzen und manchmal auch einfach "mitzunehmen". Diesen römischen Soldaten und Beamten verdanken wir wahrscheinlich heute die Überreste in Form von Votivaltären und Tempelmauern, denn die Römer besaßen die finanziellen Mittel diese zu errichten. Zudem entsprach es ihrer Tradition steinerne Tempel mit Mauern zu errichten, die die germanischen Erdaltäre mit Einhaselungen natürlich überdauerten. Es kann daher angenommen werden, dass sich vor den heute bekannten Steinmonumenten dort die typischen germanischen Erdältäre oder Ähnliches befanden oder heilige Bäume, Flüsse oder Quellen, die auch der Matronenverehrung dienten. Die Abbildungen der Matronen auf den Votivsteinen der römischen Soldaten und Offiziere und Beamten zeigen ganz unmissverständlich drei weibliche Gestalten mit eindeutig ubischer Kopfbedeckung, also germanische Frauen. Es sind jedenfalls keine Matronenabbildungen mit römischen oder keltischen Frauendarstellungen bekannt, deshalb bezeichnen wir hier den Matronenkult als genuin germanisch, obwohl er auch von keltischen und römischen Heiden mitbetrieben wurde. Ein multikultureller Austausch in der Antike, damit ist eventuell der Zuspruch für die Matronen auch aus dem "alternativen/ feministischen Umfeld"  zu erklären, die dort aber meist "antiken Feminismus" bzw. einen matriarchalischen Kult fälschlicherweise vermuten Eine neuheidnische  Marotte, die man einfach ignorieren sollte, wie auch die konstruierte Überlappung mit einem angeblichen Marienkult, christlichen Heiligen und dergleichen. ;-) Aber prinzipiell entsprach dies den römischen Gewohnheiten vor allem in der Spätantike – eventuell wollte man dann auch eine gewisse „Leere“ auffüllen, da das römische Heidentum sich aufrieb und totlief und durch immer vermessenere Opferzeremonien alten Glanz und Gloria wiederzubeleben versuchte. Da passten doch echte lebendige Natur-Göttinnen, frisch von den „Barbaren“ gut ins Bild, um das Ganze noch einmal aufzufrischen.

Es gibt hunderte von verschiedenen Matronen. Im 5. Jahrhundert wurden die Tempel wohl von christianisierten Franken zerstört, aber mit Sicherheit heimlich und offen und durchgängig bis heute weiterbeopfert - sonst wäre der bis zum heutigen Tage höchst lebendige Matronenkult  vor allem in der weiblichen Bevölkerung der Region, aber nicht nur dort, nicht zu erklären. Auch die versuchte Umwandlung in christliche Heilige oder Ähnliches verlief dort ungewöhnlich oberflächlich und wirkungsloser als sonst.

Man sollte sich aber auch hier vor "Rückspiegelungen" hüten: Der Matronenkult hat nichts mit "Feminismus" zu tun, noch war er Frauen vorbehalten. Noch hatten die Germanen oder auch Kelten ein Matriachat, noch waren die Männer den Frauen unterworfen, obwohl besonders die  germanischen Stämme generalisiert Frauen als mit besonderen Kräften ausgestattet betrachteten und ehrten, die Römer in wesentlich geringerem Masse übrigens. Noch sind die Matronen Vorläufer der Jungfrau Maria mit einer Segnungsfunktion oder eine Art christlicher Heiliger. Nach meinem bisherigen Kenntnisstand war die Religionsausübung um die Matronen ein ganz normaler Bestandteil vorchristlichen heidnischen Lebens, der allen offen stand - bis heute. Und die Matronen griffen u.U. kräftig in Geschehnisse im Sinne des Opfernden ein: als Schädigerinnen von Schädigern, wenn eine Ungerechtigkeit vorlag, vielleicht liegt darin auch die Abneigung gegen deren heutige kultische Verehrung begründet? Einige Männer können angeblich den Tempel überhaupt nicht sehen, wie sie mir berichteten, sie müssten irgendwie zwanghaft "daran vorbeischauen". Ein weiteres Mysterium aus einigen rheinischen Großstädten, wo mir diese eigentümliche Phrase mal öfters auf der Straße begegnete. Ich hoffe aber, dort hegt man keine Aversionen gegen polytheistische Religionen oder gegen weiblich ausgeprägte Spiritualität. 
Betrachtet man die Karte über die Ausbreitung der Matronenverehrung im Rheinland zur Römerzeit und darüber hinaus,  so könnte man allerdings zu dem Schluß kommen, dass es sich hier um die eigentlich genuine Religion der Rheinländer und Eifelnachbarn für lange Zeit gehandelt habe, so ausgeprägt und praktisch überall mit Tempeln und Altären vertreten war diese. Das Bonner Münster, nur um eines der vielen spektakulären Beispiele zu nennen, steht genau auf einem wichtigen Matronenheiligtum, es ist aber bislang ungeklärt, ob dies für die hohe Geburtenrate bei Bonner Frauen verantwortlich ist. ;-).
Bild: Römerzeitliche Matronenheiligtümer, In Prof. Rudolf Simek: Götter und Kulte der Germane, S. 53

Insofern betrachten wir diese und Andere Feindseligkeiten, blödes Benehmen in den Matronenheiligtümern z.B. heute als eine Art Tradition der Nachfahren von Anhängern andere Kulte, Religionen, was auch immer es damals und heute so gab. So etwas war ja auch schon zu heidnischen Zeiten gängig, wie man aus skandinavischen Quellen z.B. bei Dubois erfahren kann: konkurrierende Priester anpöbeln, diese manchmal auch entführen und Dergleichen, aber natürlich äusserst verwerflich, was dann Blutfehden nach sich zog , dies als leicht satirische Überspitzung;-)


Daneben gibt es wohl auch andere Einsatzgebiete der Matronen wie Fruchtbarkeit und als lokale Fluss- und Baumgöttinen etc. Ich vermute aber, dass die Matronen eher im Umkreis der Walküren und Disen anzusiedeln sind und gewisse Bezüge zu den Schicksalsgöttinnen im Sinne der Nornen besitzen und am Gewebe des Wyrd mitweben

Möchte man  den Aufanien z.B.  opfern, sehr wichtige und mächtige Matronen, so kann man frei improvisieren. Sinnvoll wäre aber z.B., als Idee:


Heil Euch Ihr mächtigen Aufanien,

Mächtige Beschützerinnen des Landes

Mächtige Göttinnen und Helferinnen der Frauen und Mädchen

Helferinnen der zu Unrecht Unterdrückten

Ich bin gekommen um im Teilen einen Bund zu schliessen / ihn zu erneuern
 

Man kann, muss aber nicht ein Gelübde ablegen, dass man besser erfüllt, wenn es einmal abgelegt wurde. Gebrochene Matronengelübde sollen mitunter recht üble Folgen haben - ebenso wie falsche Anschuldigungen gegen Andere. Matronen für schwarze Magie zu benutzen ist alles Andere als ratsam.

Ob andere Matronen wie die Vacallinhae sich gerne so anrufen lassen möchten ist nicht bekannt, aber weniger anzunehmen, denn sie sind stammesgebunden und dieser Stamm existiert nicht mehr. Matronen sollen aber auch durchaus reiselustig gewesen sein und auch an anderen Matronen-Heiligtümern auftauchen, die ihnen nicht speziell gewidmet sind.
Andere Götter sollte man in ein Matronenblót nicht mit einschließen, auch sollte man in den Matronenheiligtümern  besser gar keine Blóts für andere Götter abhalten, auch wenn die Römer in Pesch einen kleinen Jupitertempel im sakralen Bereich in Pesch gebaut haben und schon gar keine okkulten Symbole dort herumschmieren etc. oder gar dort campieren. Man versteht sich und die unausgesprochene Hausordnung der Alten Sitte, denn dies sind heilige Orte und eine neuere Haus- und Tempelordnung ist nicht bekannt. Das „kleine Volk“, die Vaettr, Zwerge etc. können aber durchaus auch zum Schluß eines Blóts bedacht werden.

Bild oben: Römisch-germanische Aufanische Matronen (Matronae Aufaniae), örtliche Muttergottheit(en):Weihe-Altar, gefunden unter dem Bonner Münster, Material: Kalkstein (2. Jahrhundert; Aufschrift:Den Aufanischen Matronen hat Quintus Caldinius Celsus (den Altar) gern und angemessen (geweiht).“  GNU Free Documentation License Fotograf: Hans Weingartz

Dass die Römer, wahrscheinlich eher aus Unkenntnis, gerne einmal römische Götter mit Germanischen gleichsetzten, sollte uns heute nicht ermuntern dies ebenso zu tun, es gab aber keine römischen Entsprechungen für die germanischen Matronen, diese wurden mitgenommen und deren Religion  fleißig verbreitet. Insofern würde ich den kleinen Jupitertempel in Pesch und andere römische Korrespondenzphantasien wie z.B. Odin = Merkur und Frigg = Venus usw. einfach nicht beachten, denn er entsprach einer Laune einer Kolonialarmee und antiker Autoren wie Cäsar und Tacitus. Aber ohne diese wäre uns von der Religion um die Matronen viel weniger bekannt, denn diese Armee und die römische Verwaltung hatten das Geld und den kolonialen Habitus uns heute steinerne Reste zu präsentieren, die als Anhaltspunkte für die sakralen Orte dienen. Es waren genau jene römischen Besatzer, die bei der Auflösung des antiken, heidnischen römischen Reiches noch im 4. und 5. Jahrhundert n.u.Z. den Tempel in Pesch z.B. mit bauten und finanzierten, als die als "besonders anpassungsfähig" bekannten germanischen Ubier im heutigen Köln und Umgebung vor allem in den Städten schon fleißig ab dem 2. Jahrhundert einem gewissen Joshua aus dem Morgenland huldigten, im Volksmund später als Jesus bekannt, der sich für die Menschen vor allem dadurch auszeichnete, dass er so trefflich vom Himmel auf die Erde und wieder zurück fahren konnte, das kannte man ja schon von Anderen zu Genüge, in diversen Variationen - die ominöse "Erbschuld" war sicherlich weniger attraktiv für Missionare und deren "Herde", das hat man wohl nachgereicht. Im 5. Jahrhundert war dann allerdings endgültig Schluss mit dem Pescher Tempel, denn er wurde zerstört.

Als Opfergaben waren immer Äpfel beliebt oder Feldfrüchte, Weihrauch wie auf mehreren Darstellungen zu sehen ist, sowie Met und (süßer) Wein, den man in typischer Sumbelmanier opfern kann. Einige Tage sollten Matronenopfer liegen dürfen, auch die Matronenkörbe bis sie dann entfernt werden können.

Geld sollte man nicht opfern, Schmuck und Edelmetalle gehen aber schon, Waffen dürfen speziell in einem Matronenheiligtümer nie getragen werden. Und Zettelchen sollten Sie an der Klagemauer oder im Dom schreiben und "einstecken", aber bitte nicht dort, das gab es gar nicht.

Im Jahr 2010/2011 plante man von kommunaler Seite, den Nettersheimer Altar mit einer Kuppel zu überbauen und abschließen - oder anders ausgedrückt, dem kultischen Nutzen zu entziehen. Es erhob sich ein ungeahnter Proteststurm (mit Ausnahme genannter Herrschaften und Damen aus situierten Großstadtvierteln "dann kann man besser vorbeischauen, immer schön daran vorbei bitte!"), in dessen Folge sogar der Kölner Stadtanzeiger mit bekennenden Leserbriefen "ich bin auch naturreligiös" überhäuft wurde und eine Bürgeranhörung in Nettersheim abgehalten wurde. Das Ergebnis: vorläufig keine Überbauung - alles bleibt beim Alten, aber seit 2014 findet  die Umgestaltung zu einer touristischen "römischen Denkmallandschaft" statt, die bereits jetzt den Charakter des Ortes vollständig verändert hat. Das obige Bild ist deshalb leider Geschichte, aber immerhin hat man nicht vollständig "die Kontrolle verloren" oder sich "mal gehen lassen", indem man die Zugänglichkeit einschränkte.

Wir hoffen, dass wenigstens in Pesch der alte Zauber erhalten bleibt und BesucherInnen mit naturreligiöser Grundhaltung nicht verfolgt oder verunglimpft werden.  Touristische Archäologieparks mit steriler Atmosphäre sind sicher keine adäquate Antwort auf eine immer noch lebendige religiöse Stätte. Man sollte den Unmut der Göttinnen, die auf neuerliche Entweihungen z.B. in Pesch folgen könnten, bei Planern und Umsetzern nicht unterschätzen. Bei den Alten Ägyptern und ihren Pyramiden hat es bei frevelhaftem Auftreten und Störungen anscheinend funktioniert, sogar tausende Jahre später, als niemand mehr dort opferte , oder vielleicht doch?! ;-)
Es ist bekannt, was im Erftkreis mit den Matronae Austriahenae geschah, von denen es über 150 Votivsteine bei Morken-Harff gab: sie wurden in den 1970er Jahren komplett abgebaggert und vertrieben. Die meisten Matronentempel wurden jedoch durch kirchlich-christliche Überbauung zerstört, wobei ein „Ersatz“ durch die „Jungfrau Maria“ eine besondere Rolle spielte – es bleicht dann hier die Hoffnung, dass die begehrlichkeiten und Übergriffe der Christianiserung jetzt mal abgeschlossen sind und die Pescher, Zingsheimer und Nettersheimer Tempelbezirke davon verschont bleiben wie auch von der Umwandlung in sterile „Museen“.

Wir verfolgen die Entwicklungen aufmerksam weiter. Zumindest sind wir angenehm überrascht, dass man jetzt sogar dort auf recht ansprechenden und mutmaßlich exakten Tafeln sogar von germanischem und keltischem  Kulturgut lesen kann, statt von den zwanghaften "Römern", die uns hier von den Bäumen holten und dann sogleich den christlichen Missionaren überantworteten, aber jede Meneg Kukltur hinterliessen. Auch von vermeintlichen "NS-Bezügen" keine Spur. So ähnlich muss man es leider immer noch an anderen NRW Kulturstätten lesen, auf denen sogar eindeutig vorchristliche gigantische germanische Wallanlagen falsch als römisch inspiriert dargestellt werden.

Zweifel daran, dass wir nur mit Hilfe "der Römer " von den Bäumen runterkamen, bis wir dann in die christliche Notaufnahme verwiesen wurden, werden wie an den Externsteinen gerne mit zweideutigen Verweisen auf "NS-Gedankengut" pädagogisch korrigiert, vorsorglich, weil da mal jemand 1933 oder 1934 im SS Ledermantel und einem Schäufelchen rumgelaufen ist, wobei dann aber mangels Kenntnisse nichts herauskam. Deshalb sind wir besonders froh, dass sich Himmlers "Ahnenerbe", dass sich kräftig bemühte, bis heute alle autochthonen kulturellen Wurzeln wahrheitsfern und sicher nicht ohne Absicht fehlzuinterpretieren nicht bei den Matronen aktiv war und sie als eventuelle Vorläuferinnen des "Deutschen Mutterwerks" verunglimpfen konnte - mangels Interesse. Und nein, das "Deutsche Mutterwerk" bezog sich gesichert nicht auf den Matronenkult - dies nur zur Information, um zu verhindern, dass die herausgeforderten fachkräfte in bestimmten Bereichen überhitzen.