Samstag, 15. Juli 2017

Snorri: „Tote können nicht getötet werden“ - Odin revisited Teil 2


Betrachten wir zunächst den Ruf, den Odin weithin genoß, seinen Namen sozusagen: er steht in eindeutigem Zusammenhang mit  dem Wortstamm wods, das bei den Goten, die engen Kontakt mit den Hunnen hatten, wahnsinnig, besessen bedeutet. Seine indische Entsprechung Rudra hatte verschiedene Kriegerrotten unter seinem Kommando, die alle ebenfalls im Zustand des wod waren. Aber dies nur nebenbei, denn Odin zeichnet im Unterschied zu allen anderen Göttern aus, dass er, wenn er nicht wandert, und warum er das tut erklären wir später, immer ein Heer von gefallenen Kriegern befehligt, die Einherjer, die zu bestimmten Zeiten als Wilde Jagd durch die Lüfte ziehen und bei Menschen und Vieh Angst und Schrecken verbreiten. Diese jungen gefallenen Krieger besitzen höchste Lebenskraft, megin, und existieren weiter in der Blüte ihrer Jugend und können nicht mehr in der Schlacht sterben. Daraus besteht der Walhall-Mythos zu großen Teilen und dieser wird und wurde in diversen Umzügen mit Masken und Pferden dargestellt. Durch die Masken verwandelten sich die Teilnehmer in die toten Ahnen und die Pferde, die ebenfalls real oder als Attrappen und Masken an den Umzügen teilnahmen. Wölfe und Hunde sind ebenfalls enge Attribute Odins und weisen unserer Meinung nach recht deutlich aber natürlich nicht beweisbar auf ein Nomaden- bzw. Steppenleben hin, dass ohne Pferd und Hunde undenkbar wäre. Welch ein Unterschied zu dem großem Kriegergott neben Tyr in der genuin germanischen Mythologie, nämlich Thor, der dafür bekannt ist, dass er immer ehrenhaft und alleine kämpft für Götter und Menschen.

Ein kurzer Exkurs noch zu den Pferden: eine falsche Anzahl an Beinen wie bei Sleipnir, Odins Reitpferd, weist immer auf den Status als Dämonenpferd hin. Pferde haben oft einen Zusammenhang zum Totenkult, Tote können als Pferde im Umfeld der Wodansreligion erscheinen und wurden real bevorzugt für Odin geopfert und er ist tatsächlich jener berühmte Schimmelreiter aus der Literatur, denn Odin „holt sich Menschen“ die dann von ihm besessen sind und er handelt durch sie. Odins Beinamen wie Hangatyr und Hangagud verweisen auf die heidnische Sitte, durch den Strick Hingerichtete als Odinsopfer in Bäume zu hängen, was einen wichtigen Bestandteil der odinischen Religion ausgemacht haben soll und er ist weithin als Schutzpatron von Kriminellen und Landstreichern bekannt, zudem steht er in Verbindung zu Exekutionsformen, die ekstatisch ausgeführt wurden, wie dem Blutadler.
Das Volk, das bis in die Neuzeit noch von der odinischen Religion oder nennen wir es Wodanskult beeinflusst waren, hatten vor allem Angst vor der Wilden Jagd und suchten deren Folgen zu umgehen, denn wer hat schon gerne einen Einherjer oder Geräderte und Erhängte in seiner Wäsche hängen, wie folgender mittelhochdeutscher Spruch nahelegt:


Wutanes her und alle sin man,
di di reder und die wit tragen
geradebrecht und erhangen
ihr sult von hinnen gangen


Wotan Heer und alles seinen Mannen / die die Räder und die Hölzer tragen / Gerädert und gehängt / sollt ihr hinnen gehen .Höfler 1934, S. 117



Dies führt uns zu seinen damals lebenden Anhängern oder besser gesagt, die ihm Geweihten, nämlich den Berserkern und den Ulfhednar, sowie den Starkadern nur die Wichtigsten zu nennen. Diese waren dann in der damaligen Realität, übrigens genauso wie Ihre Gegenstücke im Iran und Indien, z.B. Rudras Wilde Jäger, die wie Odins Krieger in der realen Welt ekstatische Krieger und Tänzer oftnals ausser Kontrolle waren, alles andere als sozial verträgliche Krieger, die für die Gemeinschaft kämpften, sondern wurden in den skandinavischen Gesellschaften mehr und mehr marginalisiert in der Geschichte, bis sie schließlich, besonders die Berserker als Angeber und parasitäre Plünderer galten und verbannt wurden. Aber sie waren auch die Elitetruppen der Könige, mit dem Manko der Besessenheit und Unberechenbarkeit, aber auch höchster Kampfkraft Bild: Berserker beisst in seinen Schild, 12. Jhdt.

Es kreischten die Berserker – dies war ihre Schlacht,
die Wolfshäute schrien und schüttelten ihre Waffen


Odins Heer, die Einherjer sind tot und kämpfen (angeblich) ehrenhaft für die Welt, die Götter und die Menschen gegen den Fenriswolf und Midgardschlange in Ragnarök während die Krieger, die sich ihm geweiht haben in Midgard und dort kämpfen, diese Eigenschaften genau nicht hatten oder zumindest sehr unberechenbar und zwiespältig waren die Starkadr, skandinavische ekstatische Krieger im Dienste Odins. Dabei soll nicht gesagt werden, dass die Berserkr, Ulfhednar und Starkadr nicht auch gute Dienste taten und halfen Schlachten zu gewinnen, aber es folgte doch häufig ein übles Ende vor allem für das einfache Volk, dass mit ihnen zu tun hatte. Wir wollen aber nicht behaupten, dass alle „wilden Krieger“ der Stämme wie der Chatten und Harier diesem Bild entsprachen, diese Analogie halten wir für zweifelhaft. Wir sind davon überzeugt, dass die speziell Odin geweihten Spezialtruppen wie Berserker, Ulfhednar und im gewissen Rahmen Starkadr eine andere Kategorie ausserhalb der germanischen Sozialordnung darsstellten. Denn diese waren in jeder Hinsicht unberechenbar und zwiespältig, sie entsprachen nicht den Gesetzen von Friede, Ehre und Heil, sie sind hinterhältig, angeberisch, taugen zu nichts als zum Berserkertum, werden mnachmal sogar mit Werwölfen vergleichen und müssen aus dem Hinterhalt getötet werden. In Vikings taucht bei allen Schlachten der Serie nur ein Berserkr auf, ein Auftragskiller, der heimtückisch töten soll. Ihn auszuschalten, indem man ihn mit einer List ausweidete, kostete einen der stärksten jungen Krieger fast das Leben.
In der Edda beschreibt Snorri die Haltung von Thor und Odin (Harbard) um man höre und staune: weibliche Berserker:


Thor sprach:

Berserkerbräute
bändigt’ ich auf Hlesey:
Das Ärgste hatten sie getrieben,
betrogen alles Volk.

Harbard sagte:
Unrühmlich tatest du, Thor
dass du Weiber tötetest.

Thor sprach:
Wölfinnen waren es,
Weiber kaum.



Was wir uns merken sollten ist: Odins Heer ist immer tot und wenn es seine lebenden Männerbruderschaften sind, sind sie von einer eigentümlichen Doppelgesichtigkeit, so wie er selber und geben sich ekstatischen Besessenheitsriten hin und werden vom Volk gefürchtet und später immer mehr verbannt.

Es ist erst Odin, der den Krieg überhaupt in die Welt bringt, er ist es der den Vanenkrieg anzettelt und die Schlacht mit dem Ger eröffnet, den er über sein Heer wirft. Die oberflächliche Untersuchung seines Namens vertieft die Düsternis noch, die ihn umgibt: uodanaz bedeutet „Herr der Dämonen“ und das gotische wods bedeutet wahnsinnig, besessen. Gleichzeitig gibt es aber die Wortstämme wie das altenglische wodbora, die Dichter und Prophet bedeuten und sich im altnordischen odr spiegeln, die geistig inspirierte Aktivität bedeuten und positiv zu deuten sind. Aber Odin „holt sich auch Menschen“ wie wir wissen und oft mit genau diesen Geschenken wie „odr“, die sich dann aber schnell in bizarre Befehle von ihm verwandeln und subjektiv Unglück bringen. Deshalb ist alles was von Odin kommt mit größter Vorsicht zu betrachten, gerade weil es so wirkungsvoll ist. Auf seinen Wanderschaften als Odin der Wanderer taucht er wohl auch dann auf, um sich nach verlorenen Schlachten zurückzuziehen und dann heilt er manchmal wie Rudra, wobei die Frage nicht beantwortet werden kann, wie er heilt und ob er wie Rudra die Krankheit nur weiterschickt. 

Odin als Harbard in Vikings inszeniert Siggis Tod, einschliesslich Walküre
Die meisten dieser Aspekte finden wir in anderen indoeuropäischen Kulturen wie dem Iran und Indien wieder mit fast derselben Konnotation. In Indien sind es Rudra, der im Mahabharata einmal als einäugig beschrieben wird, und seine Maruts, die mythischen, paragöttlichen Prototypen der Männerbünde, den vratyas, die eine Eidgemeinschaft bildeten und im Sommer auf Raubzug gehen und zur Regenzeit im Herbst in die Dörfer zurückkehren. Diese werden oft als parasitäres Räubergesindel verschrieen, gleichzeitig sind sie aber wichtiger und notwendiger Teil vieler Feste und Zeremonien als ekstatische bewaffnete Sänger, Tänzer, Kämpfer und Krieger, auch mit rituellen Prostituierten im Gefolge. Andere bezeichnen sie als wandernde Asketen, aber diese Bedeutung kann allenfalls als marginalisierte Nebenbedeutung akzeptiert und quasi als unbedeutend verworfen werden. Vratya bedeutet eindeutig „Bund“ was einem wanderende Asketen recht entgegengesetzt erscheint. Wir verlassen uns hier auf die deutsche Indologie.
Die maruts, eine Gruppe vedischer Untergottheiten, manche nennen sie auch Dämonen, denn sie werden auch als wild, gefräßig und launisch beschrieben befinden sich in Rudras Gefolge und stellen eine deutliche Parallele zu den Einherjern dar, die nicht zu übersehen ist.
Rudra, der später von den vedischen Hindus quasi mythologisch bezwungen, kontrolliert und in Shiva transformiert wird, da er den vedischen Prinzipien nicht genügen konnte,wird auch auch ganapati, Herr der Scharen oder vratapati, Herr eines kultischen Bundes genannt und ist der oberste Führer der Totenseelen. Rudra ist der Herr der vratyas, der ekstatischen Kriegerbünde Indiens, aber Indra ist der Herr der grossen Jahreswechselfeste der vratyas, scheint aber in der Bedeutung für den Kriegerbund der vratyas in der Praxsi weit hinter Rudra zu stehen, die direkt kultisch mit Rudra verbunden sind.
Die verschiedenen Krieger-Rotten Rudras befinden sich alle im Zustand des wod, der kultischen Besessenheit. Er ist Gott und Führer der vratyas, der besessenen Krieger im Bunde, zu denen aber, im Gegensatz zu den Germanen, auch häufig Frauen und sakrale Prostituierte zählten. 
 
Noch einige Fakten zu Rudra: Der rot-blaue Bogenschützengott kommt aus dem Wald, ausserhalb der vedischen Gesellschaft, seine nächsten Verwandten sind reissende Wölfe (siehe Odin und der Kult um Hunde und Wölfe, der ihm nahgesteht. Tyr, der germanische Hauptgott bis zur Völkerwanderungszeit tötete übrigens Garm, den Hunde-Wächter nach Helheim, eine interessante Anti-Parallele zum Odinskult um Hunde)  und er wird als ausgesprochen launig und bösartig beschrieben und lediglich in einem Teilaspekt, der später als Shiva grösste Bdeutung gewinnt als gutmütig und heilend. Er sendet und heilt Krankheiten wie Odin und man opfert für und betet und an Rudra, indem man bittet, die Krankheit an jemand anderen zu senden. Man sitzt auch im Namen Rudras magisch bis dämonisch an Wegkreuzungen und zaubert, siehe seidr.

Für uns ist wichtig, dass es bei beiden indoeuropäischen Phänomenen eine Art Geisterheer gibt, dass einem unberechenbaren, ekstatischem Gott mit kontroversen Eigenschasften gehört und eine reale Entsprechung in Form ekstatischer Kriegerbünde, die aber nicht nur kontrovers, sondern immer mehr als sozial abträglich beschrieben werden in der Geschichte. Wir glauben, dass dies auch in den Fehlentscheidungen begründet liegt, die Odin und Rudra ihren Gefolgsleuten öfters als Geschenke überlassen und in Kriegsniederlangen resultierten....

Ähnliches findet man auch im Iran, im haoma Kult mit aesma, einen Aspekt des mithra, der sich durch Zorn, Wut und Raserei auszeichnet und die Ablehnung der zoroastrischen Gesellschaft erfuhr wegen dieser Eigenschaften mit angeschlossenen Verhaltensweisen und diesen marginalisierten.

Für uns interessant ist aber, dass Shiva in Indien einen grandiosen Aufstieg in hinduistischen Pantheon erfuhr und zu den höchsten Göttern mit Vishnu und Brahma zählt, die bis heute das „ewige Bharat“ erhalten, dass sich durch eine erstaunliche Kontinuität auszeichnet und dabei nicht alle wilden und ekstatischen Aspekte Rudras verlor, sondern magisch kontrolliert und sozialverträglich verinnerlichte. Rudratempel gibt es unseres Wissens in Indien nicht oder kaum noch,  aber einige shivaitische Sadhus  tragen „Rudras Tränen“ als Armband bis zum heutigen Tage.
Odin jedoch gilt trotz des kompletten Untergangs des germanischen Heidentums bis auf einige Reste in Volksmärchen und im Brauchtum immer noch als Göttergründer und Göttervater und vom Gott Tyr, den er verdrängte, hörte man immer weniger, dabei stellte dieser einen ausgleichenden Einfluss dar. 



Die bedeutendsten Wissenschaftler gehen quasi unisono davon aus, dass Tyr bis zur Völkerwanderungsszeit der Hauptgott war und für das Recht und die Wahrung der Thingordnung stand. Odin als ekstatische Figur diente wohl der Erlangung von Kriegsglück durch Täuschung der Feinde und sein Kult breitet sich vom nordwestlichen Niederrhein aus.

Wir vermuten darin eine Absicht der heidnischen germanischen Könige, vor allem in Skandinavien, die auf der Odinsreligion ihre Herrschaft gründeten und.....verloren und deshalb nahtlos das Christentum zur Sicherung ihrer Herrschaft verwendeten. Ob Rudra als Odin über die Hunnen wieder zu uns kam, scheint uns sehr wahrscheinlich angesichts der Verhältnisse der damaligen Zeit,  aber beweisen können wir es nicht, deshalb sind wir für Kommentare und Freveleien danḱbar. 

Anmerkung : es handelt sich hier um eine wissenschaftliche Darstellung. Wenn wir von Berserkern, Odin, Ulfhednars, Rudra, Vratyas  etc schreiben, bezieht sich dies ausschliesslich auf historische und mythologische Gestalten und Gruppen und nicht auf heutige Rockbands, Reenacter , Odinisten etc. , noch wollen wir andeuten, dass diese heutigen Personen sich so verhalten wie ihre historischen Namensgeber.  

Literatur:, u.a.

Bellinger: Knaurs Lexikon der Mythologie
Kris Kershaw: Odin
Hauer: Der Vratya
Goerge Dumezil: Gods of the ancient Northmen
Otto Höfler:  Kultische Geheimbünde der Germanen 
Karl Helm

Bilder:


Maruts Steinrelief: Linteau. Provenance: Cambodge, province de Kompong Thom, Sambor Prei Kuk S7. Style de Sambor Prei Kuk. 1ère moitié du 7ème siècle.Détail montrant le bord du linteau et un Marut, dieu de la tempête et du vent. Musée Guimet, Paris. 
Beide gemeinfrei

Drawing of Týr and Fenrir from the Migration Period golden bracteate from Trollhättan, Sweden.
By Gunnar Creutz - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35138182


Donnerstag, 13. Juli 2017

Der Herr der Männerbünde und Totenheere - Odin revisited Teil 1


Er, der wandernde Vratya wuchs, er wurde groß, er wurde zum Mahadeva, zum großen Gott, zu Rudra. Er errang die Herrschaft über die Götter. Er wurde Herr, Rudra“ (freie Übersezung des Atharva Veda 15.1 , ca. 500 v.d.Z.
Jaim.Up.Br. III, 21 : „Du bist Vratya, der eine Vratya (ekavratya), unerschaffen, die Höhle der Götter, der Grenzpunkt.“


Odin oder Woden oder Uuoden gilt weithin als Göttervater, als Dreh – und Angelpunkt der germanisch-nordischen Religion, die wir an dieser Stelle als die vorherrschende und nicht so uneinheitliche Religion der germanischen Siedlungsgebiete von Süddeutschland bis nach Norwegen idealtypisieren.
Für die Heiden bzw Blotmen vom Ausgang des frühen Mittelalter bis zur Neuzeit gilt dieser Odin laut der spärlichen Literatur als der Allvater, der Walvater, der Schöpfer anderer Götter, der mit seiner meist keuschen Ehefrau Frigg in Walhall thront. Kurz gesagt, er ist der Idealtyp des königlichen Gottes, des göttlichen Herrschers mit Hofstaat. Er erscheint als listiger Wanderer, als Kriegsherr, als Zauberer usw. auch mit äuserst dubiosen Charktereigenschaften, als Anführer ekstatischer Kriegerscharen und Männerbünde, als Totengott, als Gotte der gehenkten und Straucdiebe, die aber gerne übersehen werden, obwohl die negativen Konnotation eigentlich unübersehbar sind. Aber woher kommt er und warum wurde er so verehrt?

Vordergründig kann man sagen, er entsprach in den Darstellungen in Snorris Edda recht exakt dem Idealtypus des nordisch-heidnischen Königs des frühen Mittelalters, der sich schön in den idealisierten Herrschaftsvorstellungen der Zeit und auch und dann auch im 19.Jahrhundert in Deutschland und Skandinavien etwas bürgerlich entschärft spiegelt, siehe Bild, als das Deutsche Reich sich auch gerne als Verkörperung germanischer, wenn auch dann christlicher gefärbter Tugenden sah. Und die Hohenzollern-Kaiser spielten auch gerne mit, denn Odin mit königlicher Familie und einer treuen Gemahlin entsprach ihrem Weltbild. . Aber woher kam dieser Odin überhaupt? Ist er denn wirklich gewachsener germanisch-nordischer Urgott, der Allvater und Walvater seit Anbeginn und was macht ihn wirklich aus?

Um zu sehen, woraus er gewachsen ist, nehmen wir vorweg, dass er so eindeutig zu römischer Zeit gar nicht auszumachen war in der Germania, denn Tacitus schreibt etwas von einem Merkur, aber ob das nun dieser Odin war bleibt unklar und unbewiesen und vorher gibt es nun gar nichts klar zuordenbares zu diesem spezifischen Odin. 

Zudem wird recht eindutig Mars als hauptgott der Germanen bezeichnet, der mit Tyr identisch war, der bekanntermassen hauptgott der Germenen bis zur Völkerwanderung war und für das Recht und das Recht der Thingordnung stand.

Auch später in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten wird in den Weihesteinen einem Mercurius gedankt und geopfert, aber ob damit der später als Odin/ Woden bekannte Gott mit den bekannten Eigenschaften gemeint ist, ist so klar nicht.



Aber wir finden zwielichtige Göttergestalten wie ihn als Führer noch zwielichtigerer Männerbünde und von „Geisterheeren“ und den Einherjern, die nichts weiter als Totenheere sind, Ulfhednar und Berserkern etc. nicht nur in der Germania sondern schon früher in Indien und dem Iran und zwar in einer den nordischen Odin eklatant ähnlichen Weise. In Indien ist Rudra die weitgehende Entsprechung Odins in vielerlei Hinsicht und auch im zoroastrischen Iran mit Mithra und seine Aspekten Aesma und Mithragan, was wir noch erläutern werden. Aber recht eindeutig haben diese Element nicht nur einen stark devianten und unheimlichen Charakter, sondern sie und die mit ihnen immer verknüpften Männerbünde und Kriegerscharen wie die Vratyas wurden mehr und mehr von der vedischen und zoroastrisch-arischen Gesellschaft als unberechenbar, gewalttätig und hinterhältig abgelehnt oder zumindest als randständiges Phänomen wahrgenommen.


Recht zweifellos gelangte die Kunde von Gott Odin, der dann zu Snorris Allvater wurde, vom heutigen Deutschland aus nach Skandinavien und Island, wo sich der Kult um Odin ausbreitete und wichtiger wurde als in Südgermanien. Für uns fehlen aber jegliche Beweise, dass Odin zur Römerzeit schon wirklich der sagenumwobene Göttervater in Snorris Edda war und vor allem, dass er dies von Anfang an war. Wir glauben, dass das romantisierte Odinbild, besonders des 19 Jahrhunderts und auch teilweise der Snorris Edda der usprünglichen Götterfigur Odin teilweise übergestülpt wurde, dessen Herkunft ganz woanders liegt. 

 Es drängt sich der Eindruck auf, dass über asiatische Einflüsse, vielleicht sogar über den Hunnensturm, d.h. den gewaltsamen Einfall der asiatischen Hunnen im 4. Jahrhundert  der Kult des Rudra und Mithra/ Aesma/ Mithragan aus dem Iran mit ihren wilden Männerbünden und plündernden mythologisierten Kriegern über Deutschland nach Skandinavien ausbreitete und die ursprüngliche germanische Religion veränderte, z.B. durch Verdrängung des Gottes Tyr als Göttervater und die Einführung des Phänomens Wilde Jagd , Einherjier. Totenheere,  Berserker und Ulfhednar etc.   Interessanterweise wurde der „Allvater“ Odin aber von den Hindus in Form des Rudra genau wegen seiner unberechenbaren Wüterichattribute und seiner plündernden Horden und ekstatischen Männerbünden stark verdrängt und von einem „geläuterten“ Shiva ersetzt, der die düsteren Rudraaspekte zwar noch z.T. beinhaltet, aber zurückgedrängt und kontrolliert hat. Im Iran geschah Ähnliches. Wir interessieren uns an dieser Stelle aber nicht für den Einfluss der Hunnen auf die deutsche Genetik, aber diese liegt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vor, wie man bisweilen nicht nur am Aussehen feststellen kann. Wieso bei dieser genetischen Grundlage  später noch dieser Ariermythos gepflegt werden konnte, bleibt uns auch deshelb schleierhaft. 
Dies unsere These, die wir in Kürze noch untermauern werden. Ideen und Zuschriften hierzu sind willkommen. Als Literatur haben wir weitgehend Kris Kershaw und Dumezil verwendet.


Karte: Völkerwanderung, gemeinfreie Lizenz
 
Interessanterweise wird das Thema Odin auch in der Fernsehserie Vikings mittelbar angesprochen. Dort fragt z.B. Lagertha öfters misstrauisch: „Was hat Athlestan über Odin gesagt?“ bei einem Besuch bei einem englischen König, denn Athlestan hat Einiges gesehen bei den Wikingern. Denn auch im 7.-10. Jahrhundert gab es ein Mißtrauen gegen Odin und seine Ratschläge und Geschenke an die, die ihm opferten. Ein schönes Beispiel ist König Horik, dem eindeutig bekennenden Odinisten der Serie, er führt seine und Ragnars Männer in eine ausichtslose Schlacht, gegen den Willen des skeptischen Ragnar und wird vollkommen aufgerieben, „wie unser Vater Odin es uns lehrte“, bereut seine Entscheidung aber nicht, sondern rechtfertigt sie. Später entlarvt sich Horik als hinterhältiger Meuchelmörder und wird von Ragnar, mit seiner Familie hingerichtet, wie auch der Odinist Jarl Borg in einer ähnlichen Angelegenheit. Ragnar Lothbrok beruft sich dabei ausdrücklich auf "die Götter," die Jarl Borg so dermassen verärgert habe, nicht auf Odin, als er ihn "bloodeagled".  Auch Siggi wird letztendlich von Odin in der Gestalt des wandernden Heilers Harbard dem Tod durch Ertrinken üerantwortet, weil sie ihm mißtraut  und ihn kritisierte, als er als Wanderer im Dorf erschein und die Frauen betört..


Wuoadon id est furor“ Adam von Bremen, 11. Jahrhundert.


 Bild oben : Rudra, Bild unter: idealisierte Odinfigur, Schweden, 19. Jhdt. Beide gemeinfreie Lizenz



Dienstag, 13. Juni 2017

Seidhr Teil 2 „Sie saßen draußen herum und taten es einfach“

Im 2. Teil unseres Artikels über Seidhr / Seidr liegt der Fokus auf der Interaktion mit den Finnen und Samen und deren religiösen und schamanischen Praktiken. Teil 1 sollten Sie zuvor lesen.

Oft wird behauptet, der uns bekannte skandinavische Seidhr der Eisenzeit sei eine direkte und mehr oder weniger direkte Folge des Kontakts und Kulturaustauschs der Nordmänner und -frauen mit den Finnen und Sámi. Diese hätten ihre schamanische Tradition als magische Dienstleister an die Skandinavier weitergegeben und einen genuinen nordisch-germanischen Seidhr in der von uns beschriebenen Form, siehe Teil 1, hier in englisch hätte es so nicht gegeben. Hierzu werden die üblichen Trancetheorien herbeigezogen, die sich im wesentlichen darauf beziehen, dass Seidhr etwas mit Schütteltrance grundsätzlich zu tun haben soll und dieses kulturübergreifend sei, z.B. auch im karibischen Voodookult etc. wie es z.B. Jan Fries in Seidways versuchte und was fleissig kolportiert wurde. Dies ist etwas oberflächlich und so nicht richtig, der nordisch-germanische Seidhr, eine sehr spezialisierte magische Technik, unterscheidet sich, vorab vermerkt, auch grundsätzlich von den schamanischen Techniken der Finnen und Sámi. Wir haben in Teil 1 klargestellt aufgrunde der skandinavischen Literatur und der Sagas dass es sich bei Seidhr bzw. Seidr um eine Form der Magie handelt um anderen Menschen zu schaden, sie zu manipulieren (schwarzer Seidhr) oder um die Zukunft vorauszusagen, sowie das Wetter und die Ernten und auch diese günstig zu stimmen. (weisser Seidhr) .

Wir wollen hier aber herausarbeiten, worin Unterschiede und Gemeinsamkeiten bestehen und wodurch diese Theorie der kulturellen Übertragung entstanden sein könnte. Zunächst ist es sehr auffällig, dass die Kunst des Seidhr immer wieder und am häufigsten mit Halogaland und der Finnmark in Norwegen und auch dem eher imaginierten „Finnland“ in Verbindung gebracht wird, weil von dort die meisten Berichte vorliegen und sehr viele Praktiker zu Hause waren und viele Sámi und „Finnen“. Von dort gibt es dann auch die eher blutrünstigen Geschichten über Rögnvaldr Rettilbeini zu berichten, der dort wegen seiner beruflichen Seidhr Tätigkeit mit 80 seiner Kollegen verbrannt wurde von seinem Vater, König Harald, im heidnischen Kontext wohlgemerkt, eben weil dieser König Harald Seidhmen hasste.  Dieser hatte eine Sámi Ehefrau und Rögnvaldrs Enkelsohn Eyvindr Kelda wurde wegen seiner Tätigkeit als Seidhmadr ebenfalls von König Olaf Tryggvason exekutiert. Dieser hatte ebenfalls bedeutende Beziehungen zu den Sámi. Wir wollen hier aber sehen, ob nicht grade der Bezug zu den Sámi, die berüchtigte "Sámi Connection" eher vordergründig ist und mißdeutet wurde, denn deren Schamanismus galt sehr stark der Heilung von Kranken und dient dem Wohl der  Gruppe. Beide Bilder im Artikel zeigen übrigend samische Schamanentrommeln und haben nichts mit Seidhr zu tun, da man dort nicht trommelte.

Andererseits gibt es aber auch jede Menge Geschichten, warum der Seidhr von den Nordmännern und -frauen bis nach Grönland und Island exportiert wurde und sich dort eines zwielichtig-makaberen bis eher selten wohlmeinenden Ansehens erfreute, wie wir in Teil 1 beschrieben. So hat die Siedlerin Thuridr Sundafyllir, gebürtig in Halogaland, die Kunst entwickelt, mittels Seidhr so viele Fische zu fangen wie sie wollte und ihr Heim in Island quoll immer über vom Fischfang, was sicher nicht ungern gesehen wurde und auch eine typischen Seidhr-Variante ist, die aber bislang vernachlässigt wurde. Ein christlicher Bezug wird im übrigen von uns auf das Schärfste verleugnet und abgelehnt, nein, Snorri oder wer auch immer hatten nicht den Joshua im Sinne bei der Geschichte über die Fischvermehrung.  ;-)


Seidkonas und tietätjä

Aber zurück zu den Grundlagen und die betreffen die Definition des Seidhr Rituals und dieses besagt, dass es entweder der Divination oder der Manipulation vor allem von Menschen aber auch der Natur diente, wobei Ersteres dem weißen Seidhr und zweites eher dem schwarzen Seidhr zugeordnet wird, wobei die Manipulation von Naturgewalten, um Fische zu fangen z.B. für die Menschen eher positiv, für die Fische aber negativ zu deuten sein könnte, deshalb könte man dies insgesamt zum weissen Seidhr rechnen, wobei diese Unterscheidungen eh eher akademischer Natur sind. Die Manipulation der Natur  ist auch ein wichtiger, aber in der Forschung vernachlässigter Bereich des Seidhr, so wurden wie gesagt Fischfang und Meeresstürme, Nebel damit manipuliert. So war das Fischerglück der Thurid auf Island sicher positiv angesehen und auch gerne gesehen, aber das erzeugen magischen Nebels in Westnorwegen, damit 120 Seidhmen ein Dorf dort überfallen konnten tiefschwarz. Davon zeugen noch heute im 21. Jahrhundert Hinweistafeln vor Ort, die mit üblen Beschimpfungen der lokalen Bevölkerung in Richtung Seidhmen verziert sind, die man übrigens damals direkt vor Ort alle ersäufte, auch noch nach 1200 Jahren. Dies kann ebensowenig wegrelativiert werden, wie die tiefe Abneigung der heutigen Nordmänner in Norwegen durchwegs gegen Seidhr, wie auch der Runenstein von Skjern mit einem Fluch gegen Seidhmen verziert ist.

Diese aus heutiger Sicht recht exakte Tätigkeitsbeschreibung der Seidhkonas und Seidhmadres entspricht in wichtigen Bereichen nicht dem Tätigkeitsfeld der samischen und finno-ugrischen Schamanen, der noaide bzw. finnisch noita oder tietätjä.
Deren Tätigkeitbereich ist überwiegend im heilenden Kontext angesiedelt, neben der Divination in geringerem Masse. Dazu bedienten und bedient man sich einiger Element, die auch die Seidhrleute verwandten, z.B. Kostüm und Trance. Aber die Trance wurde fast immer durch die Trommel und ihren rhythmischen Klang erreicht, die Schamanen waren überwiegend männlich, die Seidhrleute überwiegend weiblich oder Homosexuelle. Wir haben bis heute keinerlei Beweis, das die Seidhrleute jemals eine Trommel besaßen oder benutzt haben - ein wichtiges Unterscheidungskriterium.

Die überwiegend weiblichen Seidhrleute, die Seidhkonas, gerieten durch den sog. Vardlokkur bzw. andere Gesänge wie galdr bzw. Hyperventilation in einen Geisterkontakt, den ich aber auch von einer schamanischen Reise abgrenzen würde. Die Seidhr Trance lockt doch eher durch süße Klänge Götter und Geister herbei, die dann gesendet, eingesetzt und manipuliert werden können.
Es ist richtig, dass der finnische tietäjä auch neben Heiltätigkeiten, wie auch bei den Sámi, die noch viel stärker im Heilbereich arbeiten, für die Divination und die Beeinflussung von Geistern angeheuert werden konnte, wichtig ist aber für unsere Entwicklung des Seidhr Begriffes , dass der Seidhr keinerlei heilende Behandlung und Heilung beinhaltete. Sondern im Gegenteil, er konnte neben den Opfern des schwarzen Seidhr nicht nur die Seidhkona krank machen oder gar töten, was auch geschah, sondern auch ganze Gruppen, die z.B. ihren Gesang zur Verfügung stellten auf Wochen oder Monate negativ beeinflussen, wenn auch nur eine Kleinigkeit schief ging.



Die Tücken des Seidhr für seine Praktiker

Die Ethnologin Jenny Blain hat in ihrem Buch Seidr davon berichtet und gewarnt, dass wenn auch nur ein einziges Mitglied des Kreises, der den vardlokkur oder den galdr singt nicht die Richtige ist oder ein Geistwesen sich an ihr stoße, dass dann länger dauernde Krankheiten der Gruppe folgen können oder eine Änderung des Wyrds der ganzen Gruppe, die wiederum äußerst intensive Behandlung benötigen, die im 21. Jahrhundert nur äußerst schwer beizubringen ist, da die Spezialisten ausgerottet wurden und auch entsprechende Opferpriester, die etwas tun könnten, rar sind. Zudem ist es neben solcher schwerer und bedrohlicher Krisen auch für eher normal gestrickte Bürgerinnen und Bürger u.U. nur schwer einzuordnen und zu verarbeiten, wenn, wie Jenny Blain wörtlich schreibt, z.B. der Gott Heimdall auf einmal mit im Kreis steht oder mit in der finnischen Sauna sitzt, um hier einen der angenehmen Zeitgenossen zu nennen, die eventuell auftauchen könnten. Dies sollten Mann und Frau wissen, bevor er oder sie sich auch auf Orakel-Seidhr einlässt. Ansonsten ist aber gegen den Orakel Seidhr nichts einzuwenden, es sei denn ein(e) Beteiligte habe eine allergische Disposition gegenüber Kontakten zu Göttern und Geistern bzw. sie sind sich nicht über die Folgen eines plötzlich veränderten Wyrds im voraus im Klaren.

Weiterhin warnen wir aber ausdrücklich vor dem sogenannten Helweg, bei dem Reisen in das Reich der Totengöttin Hel durchgeführt werden. Diese sind nicht nur gefährlich und machen keinen Sinn, sondern waren auch bei den eisenzeitlichen Ahnen undenkbar und stellen evtl. lediglich eine Vermischung mit neueren Core-schamanischen Vorstellungen dar. Es besteht wie bei gewissen schamanischen  Arbeiten mit Totengeistern übrigens auch, aber in veränderter Weise, die Gefahr real physisch zu versterben und dann eventuell in Helheim zu verbleiben. Oder aber von einem Totengeist besetzt zu werden, denn dies ist auch bei angeblich harmlosen "Core" schamanischen Reisen "in die Unterwelt" möglich, die interessanterweise den samischen und finnischen Vorstellungen von deren Totenreichen weitgehend entsprechen mit den Höhlen unter den heiligen Bergen z.B.. Wer einmal Personen erlebt hat, die plötzlich von einem unerwünschten Ahnengeist besessen waren und dies über Monate und Jahre mit sich herumtragen mussten, weiß wovon die Rede ist und wir sorgen uns um die "Chuzpe" mit denen dies weiterhin als vollkommen harmlos jedermann und jederfrau unterrichtet wird und stellen uns auch die Frage, warum diese "Unterweltreisen" im gängigen Core Schamanismus grundsätzlich als erste und leichteste und harmloseste Disziplin gelehrt werden. 
Dies auch, um unsere Versprechen aus Teil 1 zu erfüllen, zu sagen, was Sie besser nicht tun sollten.


Eine These zum Schluss:

Was bislang wenig beachtet wurde im gesamten Seidhr-Komplex ist die Bedeutung des Ahnenkultes und der Umgang mit Toten und Totengeistern in der samischen, finno-ugrischen und skandinavischen Kultur der Eisenzeit. Und genau darin liegt unserer Meinung nach ein Kernpunkt des Kulturaustauschs im Seidhr-Kontext. Sowohl die Sámi als auch die „Finnen“ unterhielten einen sehr umfangreichen Ahnenkult und die finnischen Schamanen leiteten die Toten zu unterirdischen Bereichen und Gängen unter heiligen Bergen. Die Sami besaßen und besitzen mE sogar die Kenntnis von der Wiedergeburt, nach der sich die Geister der Toten reinkarnieren können. Hier ist aber wichtig, sowohl bei Sami als auch bei Finnen die Totengeister als essentiell wichtige Wächter für die Lebenden gelten, die geehrt werden und zwar sehr umfangreich. Es gab aber auch die verfluchten Ahnen, die für ihre Untaten gebannt wurden und zu umherirrenden Geistern wurden. So ist die Verletzlichkeit von Menschen durch Geister solcher Toten z.B. ein hervorstechendes Kernmerkmal der finnischen Religion der Eisenzeit.

Und unsere These lautet hier, die wir zur Diskussion stellen, wie immer, dass sich die skandinavischen Seidhrleute genau hier einhakten und mit Geistern auch solcher Toten schwarzen Seidhr betrieben, bzw. sich die Kenntnisse beim Umgang mit vor allem „den Finnen“ d.h. finno-ugrischen Gruppen besorgten. Und sicherlich gab es auch finnische tietäjä, die darin sehr bewandert waren und sich eines „schwarzen Schamanismus“ befleißigten. Denn diese umherirrenden Totengeister gelten als die am einfachsten zu manipuilierenden Geistwesen und Geistwesen sollen eben die Charaktereigenschaften der zuvor lebenden Person weitertragen. Betrachtet man sich den Status der schwarzen Seidhrleute als meist käufliche Magiesöldner, meist im ergi Status, dann könnte es naheliegen, dass man sich genau dort bedient hat: bei den verbannten Totengeistern, eventuell mit dem Know How anderer ausländischer Magiespezialisten - so klingen auch einige Berichte aus den Sagas über die Übergriffe auf die Opfer, siehe Teil 1 hierzu.

Weiterhin könnte es interessant sein zu erforschen, welchen Anteil der Gott Odin, trotz seiner andersgearteten Tätigkeit als eine Art geachteter "Schamane" laut Ynglingasaga 7 an den Künsten der Seidhleute gehabt haben könnte. Standen diese vielleicht sogar unter seinem Schutz? Insbesondere wenn man seinen Aspekt als Anführer von ekstatischen und skrupellosen "Kriegsschamanen" wie den Berserkern und Ulfhednar miteinbezieht, die später Unheil in die skandinavischen Gesellschaften brachten. 
Hier bleibt aber alles Weitere Spekulation, ob Odin nun tatsächlich nur magisch-schamanische Künste den Opferpriestern lehrte, was nicht ergi war oder doch am bekannten Seidhr beteiligt war, den er von den Vanen überliefert bekam. Hinweise hierzu könnten sein überliefertes Auftreten mit Umhang, Wanderstab und Hut sein, sein Bezug zu den Totengeistern und vor allem seine Hilfsmittel weissagende wie spähende Raben und Met etc., die ihm erst einige übernatürlichen Fähigkeiten ermöglichen. Das ist für einen Gott schon äußert selten, dass er wie ein damals gängiger Seher oder Schamane herumlief und solche eher profanen Hilfsmittel benötigt. In der Serie Vikings, die wir schon empfohlen haben, taucht er sehr treffend beschrieben als sehender, unterhaltender und heilender Wanderer Harbard auf, der aber plötzlich bereit ist zu morden, weil eine Frau seinen becircenden Reden nicht verfiel und ihn und seine Ränke ablehnte. Aber wie gesagt, dies ist eine Frage der Deutung und kann wegen der sich manchmal widersprechenden Textstellen  nicht endgültig geklärt werden. Aber soviel noch abschließend hier: seine Bedeutung und vor allem seine Beliebtheit in der Wikingerzeit werden heute fast maßlos überschätzt, Thor, Freya und Frey z.B. wurden jeder für sich weitaus mehr verehrt, beopfert und wesentlich mehr Orte nach ihnen benannt als nach Odin. Wir führen dies hier nicht weiter aus, verweisen aber noch mal auf den etwas verzerrenden und romantisierenden Einfluss des 19. Jahrhunderts und der sich dort bildenden Dynastien und Kaiserreiche, die die Odinrezeption maßgeblich beeinflusst haben dürften.

Der durchgängig zumindest zwielichtige Ruf der Seidhkonas und Seidhmadres in Skandinavien, mit Ausnahme einiger Orakel-Seidhr Expertinnen, wohlgemerkt nicht zu verwechseln mit den wesentlich besser angesehenen Spakonas, Spamadres und Valas und Völvas, ist unserer Meinung mit bedingt durch die Kenntnisse der Manipulation von Totengeistern verfluchter Ahnen und deren Einsatz gegen Opfer. Und dafür saß man eben auch gerne draußen an den Hügelgräbern herum, was schon zur heidnischen Zeit sehr ungern gesehen und später hart bestraft wurde. 

Magische Törungen und das Irremachen und Verfolgen von Opfern war auch in den skandinavischen Gesellschaften der Eisenzeit ein schweres Verbrechen, das zudem der offiziellen Ethik des offenen Kampfes und des Friedens und der Ehre und des Heils widersprach. Und genau dies verursachte u.a. den ergi Status der Seidhleute. Wer dies relativieren will, möge dies tun, wir tun dieses nicht. Zudem ist das Phänomen Seidr / Seidhr nur eine Randerscheinung in der spirituellen und magischen Welt der germanischen Gruppen gewesen. Es gibt dort sicher noch sehr viel über Phänomene wie Völven, Valas und Spa bzw. über die Krankenheilung mittels Zaubersprüchen und galdr und auch mit Kräutern etc. zu erforschen, die auch um das Zentrum des gesellschaftlichen Geschehens formiert waren, Anerkennung genossen und nicht als ergi galten. 
Und dies sollten wir auch tun, statt ständig Rapporte oder gar generelle Übereinstimmungen zwischen einer marginaliserten Technik wie Seidhr und der germanisch-nordischen Spiritualität per se herzustellen.


Deshalb zum Schluss noch ein Beispiel von spiritueller Heiltätigkeit im Kontext der germanisch-nordischen Valas und Völven, jenseits des Seidhr, ein Ausschnitt aus dem Oddrúnargrátr, in dem eine magische Interaktion mittels Zaubersprüchen für schwere Entbindungen beschrieben wird. Eine christliche Interpretation oder Beeinflussung dieses Edda Gedichtes aus dem Codex Regius wird weitestgehend von uns bestritten.

Oddrun hat die Zaubersprüche für Borgny gesprochen, um die Entbindung zu ermöglichen:
  
rict gól Oddrvn,
rammt gól Oddrvn
bitra galdra
at Borgnyio.

Übers:
With magic Oddrun | and mightily Oddrun
Chanted for Borgny | potent charms.

Und Borgny dankt ihr:

Knatti męr oc mꜹgr
moldveg sporna,
born þꜹ in bliþo
viþ bana Hꜹgna;
þat nam at męla
męr fiorsivka,
sva at hon ecci qvaþ
orþ iþ fyrra:

Sva hialpi þer
hollar vettir,
Frigg oc Freyia
oc fleiri goð,
sem þv feldir mer
fár af hondom!“

Übers:

At last were born | a boy and girl,
Son and daughter | of Hogni's slayer;
Then speech the woman | so weak began,
Nor said she aught | ere this she spake:

"So may the holy | ones thee help,
Frigg and Freyja | and favoring gods,
As thou hast saved me | from despair now."






Quellen:

Dubois: Nordic religions in the Viking age
Jenny Blain: Seidr
Jan Fries: Seidways
Oddrúnargrátr


Bilder.

Schamanische Trommel der Sámi, Bindal, Nordland, Norwegen, 1925, gemeinfreie Lizenz

Sàmi Schamane von Meraker Nord-Trondelag, 18. Jahdt., gemeinfreie Lizenz

Samstag, 22. April 2017

Die Matronenverehrung - lebendiges Heidentum

In der Eifel, in der Nähe von Euskirchen, befinden sich bei den Orten Nettersheim, Pesch und Zingsheim wahrscheinlich die bedeutendsten Tempel der Matronenverehrung überhaupt –  die meisten Matronentempel wurden durch Kirchen und (Marien)-Kapellen überbaut oder auch ganz weggebaggert.Das Besondere dabei ist, dass es sich wohl um einige der ganz wenigen, wenn nicht vielleicht die einzigen Plätze einer durchgängigen  heidnischen Verehrung seit mehr als 2500 Jahren handelt. Die abgelegene und idyllische Lage mit heiligem Hain bot anscheinend wenig Anreiz für eine Christianisierung mit kirchlicher Überbauung.

Das hauptsächliche Anwendungsgebiet (bei den Aufanien) ist die Abwehr ungerechter Schädiger und eine positive Änderung des Wyrds der Opfernden. Sonst werden Fruchtbarkeit und Schutz des Landes genannt. Wichtiges Element des Matronen-Blót s sind die Gelübde. Die Votivsteine mit den niedergeschrieben Gelübden römischer Offiziere, reicher Spender für die Tempel meist, zeugen davon.
Diese germanischen und keltisch-germanischen Göttinnen der Stämme der Vacali, der Eburonen und Ubier u.v.a.Matronen bei Wikipedia - also germanischer und keltisch-germanischer Stämme wurden auch von römischen Soldaten fleißig beopfert und verehrt. Ein bekanntes Merkmal des römischen Heidentums, auch fremden Göttern zu opfern und diese mit eigenen Göttern gleichzusetzen und manchmal auch einfach "mitzunehmen". Diesen römischen Soldaten und Beamten verdanken wir wahrscheinlich heute die Überreste in Form von Votivaltären und Tempelmauern, denn die Römer besaßen die finanziellen Mittel diese zu errichten. Zudem entsprach es ihrer Tradition steinerne Tempel mit Mauern zu errichten, die die germanischen Erdaltäre mit Einhaselungen natürlich überdauerten. Es kann daher angenommen werden, dass sich vor den heute bekannten Steinmonumenten dort die typischen germanischen Erdältäre oder Ähnliches befanden oder heilige Bäume, Flüsse oder Quellen, die auch der Matronenverehrung dienten. Die Abbildungen der Matronen auf den Votivsteinen der römischen Soldaten und Offiziere und Beamten zeigen ganz unmissverständlich drei weibliche Gestalten mit eindeutig ubischer Kopfbedeckung, also germanische Frauen. Es sind jedenfalls keine Matronenabbildungen mit römischen oder keltischen Frauendarstellungen bekannt, deshalb bezeichnen wir hier den Matronenkult als genuin germanisch, obwohl er auch von keltischen und römischen Heiden mitbetrieben wurde. Ein multikultureller Austausch in der Antike, damit ist eventuell der Zuspruch für die Matronen auch aus dem "alternativen/ feministischen Umfeld"  zu erklären, die dort aber meist "antiken Feminismus" bzw. einen matriarchalischen Kult fälschlicherweise vermuten Eine neuheidnische  Marotte, die man einfach ignorieren sollte, wie auch die konstruierte Überlappung mit einem angeblichen Marienkult, christlichen Heiligen und dergleichen. ;-) Aber prinzipiell entsprach dies den römischen Gewohnheiten vor allem in der Spätantike – eventuell wollte man dann auch eine gewisse „Leere“ auffüllen, da das römische Heidentum sich aufrieb und totlief und durch immer vermessenere Opferzeremonien alten Glanz und Gloria wiederzubeleben versuchte. Da passten doch echte lebendige Natur-Göttinnen, frisch von den „Barbaren“ gut ins Bild, um das Ganze noch einmal aufzufrischen.

Es gibt hunderte von verschiedenen Matronen. Im 5. Jahrhundert wurden die Tempel wohl von christianisierten Franken zerstört, aber mit Sicherheit heimlich und offen und durchgängig bis heute weiterbeopfert - sonst wäre der bis zum heutigen Tage höchst lebendige Matronenkult  vor allem in der weiblichen Bevölkerung der Region, aber nicht nur dort, nicht zu erklären. Auch die versuchte Umwandlung in christliche Heilige oder Ähnliches verlief dort ungewöhnlich oberflächlich und wirkungsloser als sonst.

Man sollte sich aber auch hier vor "Rückspiegelungen" hüten: Der Matronenkult hat nichts mit "Feminismus" zu tun, noch war er Frauen vorbehalten. Noch hatten die Germanen oder auch Kelten ein Matriachat, noch waren die Männer den Frauen unterworfen, obwohl besonders die  germanischen Stämme generalisiert Frauen als mit besonderen Kräften ausgestattet betrachteten und ehrten, die Römer in wesentlich geringerem Masse übrigens. Noch sind die Matronen Vorläufer der Jungfrau Maria mit einer Segnungsfunktion oder eine Art christlicher Heiliger. Nach meinem bisherigen Kenntnisstand war die Religionsausübung um die Matronen ein ganz normaler Bestandteil vorchristlichen heidnischen Lebens, der allen offen stand - bis heute. Und die Matronen griffen u.U. kräftig in Geschehnisse im Sinne des Opfernden ein: als Schädigerinnen von Schädigern, wenn eine Ungerechtigkeit vorlag, vielleicht liegt darin auch die Abneigung gegen deren heutige kultische Verehrung begründet? Einige Männer können angeblich den Tempel überhaupt nicht sehen, wie sie mir berichteten, sie müssten irgendwie zwanghaft "daran vorbeischauen". Ein weiteres Mysterium aus einigen rheinischen Großstädten, wo mir diese eigentümliche Phrase mal öfters auf der Straße begegnete. Ich hoffe aber, dort hegt man keine Aversionen gegen polytheistische Religionen oder gegen weiblich ausgeprägte Spiritualität. 
Betrachtet man die Karte über die Ausbreitung der Matronenverehrung im Rheinland zur Römerzeit und darüber hinaus,  so könnte man allerdings zu dem Schluß kommen, dass es sich hier um die eigentlich genuine Religion der Rheinländer und Eifelnachbarn für lange Zeit gehandelt habe, so ausgeprägt und praktisch überall mit Tempeln und Altären vertreten war diese. Das Bonner Münster, nur um eines der vielen spektakulären Beispiele zu nennen, steht genau auf einem wichtigen Matronenheiligtum, es ist aber bislang ungeklärt, ob dies für die hohe Geburtenrate bei Bonner Frauen verantwortlich ist. ;-).
Bild: Römerzeitliche Matronenheiligtümer, In Prof. Rudolf Simek: Götter und Kulte der Germane, S. 53

Insofern betrachten wir diese und Andere Feindseligkeiten, blödes Benehmen in den Matronenheiligtümern z.B. heute als eine Art Tradition der Nachfahren von Anhängern andere Kulte, Religionen, was auch immer es damals und heute so gab. So etwas war ja auch schon zu heidnischen Zeiten gängig, wie man aus skandinavischen Quellen z.B. bei Dubois erfahren kann: konkurrierende Priester anpöbeln, diese manchmal auch entführen und Dergleichen, aber natürlich äusserst verwerflich, was dann Blutfehden nach sich zog , dies als leicht satirische Überspitzung;-)


Daneben gibt es wohl auch andere Einsatzgebiete der Matronen wie Fruchtbarkeit und als lokale Fluss- und Baumgöttinen etc. Ich vermute aber, dass die Matronen eher im Umkreis der Walküren und Disen anzusiedeln sind und gewisse Bezüge zu den Schicksalsgöttinnen im Sinne der Nornen besitzen und am Gewebe des Wyrd mitweben

Möchte man  den Aufanien z.B.  opfern, sehr wichtige und mächtige Matronen, so kann man frei improvisieren. Sinnvoll wäre aber z.B., als Idee:


Heil Euch Ihr mächtigen Aufanien,

Mächtige Beschützerinnen des Landes

Mächtige Göttinnen und Helferinnen der Frauen und Mädchen

Helferinnen der zu Unrecht Unterdrückten

Ich bin gekommen um im Teilen einen Bund zu schliessen / ihn zu erneuern
 

Man kann, muss aber nicht ein Gelübde ablegen, dass man besser erfüllt, wenn es einmal abgelegt wurde. Gebrochene Matronengelübde sollen mitunter recht üble Folgen haben - ebenso wie falsche Anschuldigungen gegen Andere. Matronen für schwarze Magie zu benutzen ist alles Andere als ratsam.

Ob andere Matronen wie die Vacallinhae sich gerne so anrufen lassen möchten ist nicht bekannt, aber weniger anzunehmen, denn sie sind stammesgebunden und dieser Stamm existiert nicht mehr. Matronen sollen aber auch durchaus reiselustig gewesen sein und auch an anderen Matronen-Heiligtümern auftauchen, die ihnen nicht speziell gewidmet sind.
Andere Götter sollte man in ein Matronenblót nicht mit einschließen, auch sollte man in den Matronenheiligtümern  besser gar keine Blóts für andere Götter abhalten, auch wenn die Römer in Pesch einen kleinen Jupitertempel im sakralen Bereich in Pesch gebaut haben und schon gar keine okkulten Symbole dort herumschmieren etc. oder gar dort campieren. Man versteht sich und die unausgesprochene Hausordnung der Alten Sitte, denn dies sind heilige Orte und eine neuere Haus- und Tempelordnung ist nicht bekannt. Das „kleine Volk“, die Vaettr, Zwerge etc. können aber durchaus auch zum Schluß eines Blóts bedacht werden.

Bild oben: Römisch-germanische Aufanische Matronen (Matronae Aufaniae), örtliche Muttergottheit(en):Weihe-Altar, gefunden unter dem Bonner Münster, Material: Kalkstein (2. Jahrhundert; Aufschrift:Den Aufanischen Matronen hat Quintus Caldinius Celsus (den Altar) gern und angemessen (geweiht).“  GNU Free Documentation License Fotograf: Hans Weingartz

Dass die Römer, wahrscheinlich eher aus Unkenntnis, gerne einmal römische Götter mit Germanischen gleichsetzten, sollte uns heute nicht ermuntern dies ebenso zu tun, es gab aber keine römischen Entsprechungen für die germanischen Matronen, diese wurden mitgenommen und deren Religion  fleißig verbreitet. Insofern würde ich den kleinen Jupitertempel in Pesch und andere römische Korrespondenzphantasien wie z.B. Odin = Merkur und Frigg = Venus usw. einfach nicht beachten, denn er entsprach einer Laune einer Kolonialarmee und antiker Autoren wie Cäsar und Tacitus. Aber ohne diese wäre uns von der Religion um die Matronen viel weniger bekannt, denn diese Armee und die römische Verwaltung hatten das Geld und den kolonialen Habitus uns heute steinerne Reste zu präsentieren, die als Anhaltspunkte für die sakralen Orte dienen. Es waren genau jene römischen Besatzer, die bei der Auflösung des antiken, heidnischen römischen Reiches noch im 4. und 5. Jahrhundert n.u.Z. den Tempel in Pesch z.B. mit bauten und finanzierten, als die als "besonders anpassungsfähig" bekannten germanischen Ubier im heutigen Köln und Umgebung vor allem in den Städten schon fleißig ab dem 2. Jahrhundert einem gewissen Joshua aus dem Morgenland huldigten, im Volksmund später als Jesus bekannt, der sich für die Menschen vor allem dadurch auszeichnete, dass er so trefflich vom Himmel auf die Erde und wieder zurück fahren konnte, das kannte man ja schon von Anderen zu Genüge, in diversen Variationen - die ominöse "Erbschuld" war sicherlich weniger attraktiv für Missionare und deren "Herde", das hat man wohl nachgereicht. Im 5. Jahrhundert war dann allerdings endgültig Schluss mit dem Pescher Tempel, denn er wurde zerstört.

Als Opfergaben waren immer Äpfel beliebt oder Feldfrüchte, Weihrauch wie auf mehreren Darstellungen zu sehen ist, sowie Met und (süßer) Wein, den man in typischer Sumbelmanier opfern kann. Einige Tage sollten Matronenopfer liegen dürfen, auch die Matronenkörbe bis sie dann entfernt werden können.

Geld sollte man nicht opfern, Schmuck und Edelmetalle gehen aber schon, Waffen dürfen speziell in einem Matronenheiligtümer nie getragen werden. Und Zettelchen sollten Sie an der Klagemauer oder im Dom schreiben und "einstecken", aber bitte nicht dort, das gab es gar nicht.

Im Jahr 2010/2011 plante man von kommunaler Seite, den Nettersheimer Altar mit einer Kuppel zu überbauen und abschließen - oder anders ausgedrückt, dem kultischen Nutzen zu entziehen. Es erhob sich ein ungeahnter Proteststurm (mit Ausnahme genannter Herrschaften und Damen aus situierten Großstadtvierteln "dann kann man besser vorbeischauen, immer schön daran vorbei bitte!"), in dessen Folge sogar der Kölner Stadtanzeiger mit bekennenden Leserbriefen "ich bin auch naturreligiös" überhäuft wurde und eine Bürgeranhörung in Nettersheim abgehalten wurde. Das Ergebnis: vorläufig keine Überbauung - alles bleibt beim Alten, aber seit 2014 findet  die Umgestaltung zu einer touristischen "römischen Denkmallandschaft" statt, die bereits jetzt den Charakter des Ortes vollständig verändert hat. Das obige Bild ist deshalb leider Geschichte, aber immerhin hat man nicht vollständig "die Kontrolle verloren" oder sich "mal gehen lassen", indem man die Zugänglichkeit einschränkte.

Wir fordern hier die Behörden der Region und auch einige Freimaurerlogen bzw. deren MitgliederInnen auf, denn die Logen fühlen sich an in der Regel nicht für die Taten Ihrer MitgliederInnen verantwortlich, die sich mutmaßlich  in negativer Weise über die heidnische Religionsausübung an den Matronentempeln äussern und diese mutmaßlich beeinträchtigen wollen, die Religionsfreiheit zu achten und zu beachten. In der Bundesrepublik Deutschland gilt immer noch das Grundgesetz Art. 4 und niemand darf für sich das alleinige Recht auf heidnische oder sonstige Religionausübung in Anspruch zu nehmen. Wenn Sie so an den Matronen interessiert sind, dann gründen Sie doch einen Matronenritus in Ihrer Loge oder bei Ihren Serviceclubs im Damenkreis oder irregulären Vereinigungen etc. , da hindert Sie doch niemand dran und führen Sie den  auch am Besten in Ihrem Tempel aus, machen Sie doch sonst auch.  Verwertbares Material finden Sie z.B. hier, damit es nicht dünn wird.
Und ich habe damit nicht behauptet, dass Sie für die herumgebrüllten Flüche in den Tempelanlagen verantwortlich sind oder sonstiges schäbiges Benehmen dort.
Masonische Rituale u.A.  findet man übrigens hier


Wir hoffen, dass wenigstens in Pesch der alte Zauber erhalten bleibt und BesucherInnen mit naturreligiöser Grundhaltung nicht verfolgt oder verunglimpft werden.  Touristische Archäologieparks mit steriler Atmosphäre sind sicher keine adäquate Antwort auf eine immer noch lebendige religiöse Stätte. Man sollte den Unmut der Göttinnen, die auf neuerliche Entweihungen z.B. in Pesch folgen könnten, bei Planern und Umsetzern nicht unterschätzen. Bei den Alten Ägyptern und ihren Pyramiden hat es bei frevelhaftem Auftreten und Störungen anscheinend funktioniert, sogar tausende Jahre später, als niemand mehr dort opferte , oder vielleicht doch?! ;-)
Es ist bekannt, was im Erftkreis mit den Matronae Austriahenae geschah, von denen es über 150 Votivsteine bei Morken-Harff gab: sie wurden in den 1970er Jahren komplett abgebaggert und vertrieben. Die meisten Matronentempel wurden jedoch durch kirchlich-christliche Überbauung zerstört, wobei ein „Ersatz“ durch die „Jungfrau Maria“ eine besondere Rolle spielte – es bleicht dann hier die Hoffnung, dass die begehrlichkeiten und Übergriffe der Christianiserung jetzt mal abgeschlossen sind und die Pescher, Zingsheimer und Nettersheimer Tempelbezirke davon verschont bleiben wie auch von der Umwandlung in sterile „Museen“.

Wir verfolgen die Entwicklungen aufmerksam weiter. Zumindest sind wir angenehm überrascht, dass man jetzt sogar dort auf recht ansprechenden und mutmaßlich exakten Tafeln sogar von germanischem und keltischem  Kulturgut lesen kann, statt von den zwanghaften "Römern", die uns hier von den Bäumen holten und dann sogleich den christlichen Missionaren überantworteten, aber jede Meneg Kukltur hinterliessen. Auch von vermeintlichen "NS-Bezügen" keine Spur. So ähnlich muss man es leider immer noch an anderen NRW Kulturstätten lesen, auf denen sogar eindeutig vorchristliche gigantische germanische Wallanlagen falsch als römisch inspiriert dargestellt werden.

Zweifel daran, dass wir nur mit Hilfe "der Römer " von den Bäumen runterkamen, bis wir dann in die christliche Notaufnahme verwiesen wurden, werden wie an den Externsteinen gerne mit zweideutigen Verweisen auf "NS-Gedankengut" pädagogisch korrigiert, vorsorglich, weil da mal jemand 1933 oder 1934 im SS Ledermantel und einem Schäufelchen rumgelaufen ist, wobei dann aber mangels Kenntnisse nichts herauskam. Deshalb sind wir besonders froh, dass sich Himmlers "Ahnenerbe", dass sich kräftig bemühte, bis heute alle autochthonen kulturellen Wurzeln wahrheitsfern und sicher nicht ohne Absicht fehlzuinterpretieren nicht bei den Matronen aktiv war und sie als eventuelle Vorläuferinnen des "Deutschen Mutterwerks" verunglimpfen konnte - mangels Interesse. Und nein, das "Deutsche Mutterwerk" bezog sich gesichert nicht auf den Matronenkult - dies nur zur Information, um zu verhindern, dass die herausgeforderten fachkräfte in bestimmten Bereichen überhitzen.