Dienstag, 20. März 2012

Religiöse Praxis: wie wurde ein Blót gestaltet?


Dieser Text beschreibt eine theoretische Möglichkeit, wie (generalisiert) ein Blót in vorchristlicher Zeit ausgesehen haben könnte.
Ich möchte nochlmals betonen, dass dies nur eine theoretische Möglichkeit darstellt, die aus den winzigen Fragmenten zusammengesetzt wurde, die wir tatsächlich als Überlieferungen besitzen. Es wird daher hier ausdrücklich NICHT die Empfehlung ausgesprochen, diese Darstellung in die Praxis umszusetzen. Die Wirksamkeit und die Absichten eines Rituals liegen im Detail und genau diese wurden uns nicht überliefert, ganz im Gegensatz zu vedischen Ritualen beispielsweise.
Der Text enthält auch nicht alle Bestandteile eines klassischen grossen Gemeinschafts-Blóts  vor 2000 oder auch 1000 Jahren beim Thing o.ä.
Besonders berücksichtigt werden aber die Aspekte rituelle Reinheit und Kraft bzw. megin

Dieser Artikel ist auch als Anregung für weitergehende Forschungen zu verstehen. Wir wissen zu wenig über detalliierte Abläufe, dieses Wissen wird sich aber noch irgendwo befinden und sollte dringend besprochen und veröffentlicht werde. Damit sind aber nicht ekklektizistische Zusammenstellungen gemeint, sondern Überlieferungen in welcher Form auch immer.

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Die vorchristlichen Germanen waren wie überliefert wird Praktiker, keine Zeremonialmagier. Ziel eines Blóts war es, den Pakt mit den Göttern zu erneuern und zu bekräftigen. Heil und Hamingja finden in den Göttern einen persönlichen Ausdruck und persönliche Vermittler – sie sind ganz davon durchströmt, während  Menschen nur kleinere Teile davon besitzen. Also wird versucht, im Blót die Grenze zwischen Göttern und Menschen zu verwischen und megin (Kraft) zu übertragen, dass im Menschen wie gesagt als Heil und Hamingja wirksam wird, so drückt es z.B. Grönbech aus. Wahrschenlich enstpricht  megin der göttlichen alles durchdringenden Kraft  shakti im Hinduismus. So soll es aber auch im alten germanischen Blot nicht nur auf Ritualtreue sondern auch auf die Energie der Beteiligten angekommen sein und auf die Fähigkeit zur dementsprechenden Performance. 

Zudem soll ein Blót an die Asen und Wanen und andere dem Chaos und der Vernichtung entgegengesetzten Kräften immer wieder die Welt ordnen, für die Menschen und die Götter und alle Zwischenwesen, da davon ausgegangen wird, dass die eigentlich vorherrschenden Kräfte die der Riesen sind, chaotische, wilde und unberechenbare Kräfte, die zwar für die Entstehung und Erhalt der Welt notwendig sind, aber geformt werden müssen. Deshalb sind z.B. weder Loki-Blóts noch Loki-Heiligtümer irgendwo bekannt, obwohl dieser kein Riese sondern Halbriese ist, aber mit diesen paktiert. Die Vorstellung, dass die Midgardschlange oder der Fenriswolf, Hel etc. Bestandteil eines Blóts zur Zeit der Alten Sitte gewesen sein sollen ist mehr als abwegig. Ebensowenig hat sich irgendjemand damals nach diesen Wesen benannt oder sogar seine Kinder.
Der Friede ist die wichtigste Eigenschaft eines Blóts und mit diesen Kräften unvereinbar. Ein Varg i Veum, ein von zerstörerischen Kräften besessener  Mensch, ein "Wolf im Heiligtum"  während der Blótzeremonie konnte sofort getötet werden meist von den Priestern. Wobei aber wahrscheinlich ist, dass solche Personen gar nicht zum Blót zugelassen wurden. 

Dazu wurden das Wissen im Sinne eines Bewusstseins für die alles durchwirkenden göttlichen Kräfte, Opfergaben und etwas Dramatik eingesetzt.

Und dazu verwendeten die vorchristlichen Germanen in erster Linie Bier. Bier war weit mehr als nur als Getränk bei den Germanen. Das Blót begann zumindest bei den alten Nordmännern in der Braustube, wie Grönbech beschreibt. Das Bierbrauen war der Beginn aller Opferfeste und heilige Handlung an sich.
Durch das brauen eigenen Bieres oder auch Met, wird das persönliche  Heil und Hamingja  verstärkt.

Falls der Ort für das Blót nicht ein Heiligtum an sich darstellt und keine Umgrenzung hat, mußte er „eingehaselt“ werden, z.B. indem Haselstöcke (Vébond)  kreisförmig in den Boden gesteckt werden. Diese Haselstangen konnten mit Bändern verbunden werden. Oder es wurden Steine gesetzt werden oder zur Not andere Formen der Umgrenzung.

(Nachtrag: die Einhaselung ist bereits aus der Hallstattzeit, genauer um 520 v.u.Z. wissenschaftlich nachgewiesen und zog sich ebenso nachweisbar durch alle Epochen. Siehe hierzu Dr. habil Sigrid Dusek: Oberdorla - Kultstätte am Opfermoor)

Dann musste der eingehaselte Ort oder auch das Heiligtum für das Blót gesprochen werden. bedeutet Heiligkeit. Ort und Horn mußten zu Beginn jeden Blóts Vé gesprochen werden. Innerhalb des Heiligen Raumes dürfen keine Waffen oder Waffenähnliches getragen werden, der Friede ist dort das Maß aller Dinge und ist unbedingt einzuhalten. Jemand der im Heiligtum den Frieden bricht, wurde für Varg i Veum“ erklärt, was Wolf im Heiligtum bedeutet. Ein solcher Mensch konnte rechtmäßig getötet werden und dies geschah wohl auch, wobei dies nichts mit einem Menschenopfer zu tun hatte.
Zum strittigen Thema Menschenopfer ist zu sagen: diese wurden zumindest in Upsala alle neun Jahre mit neun Menschen durchgeführt, die würdig, ehrbar freiwillig sein mussten. Für Oberdorla  in Thüringen sind über den mehrhundertjährig archäologisch bearbeiteten Zeitraum ca. 50 Menschnopfer nachgewiesen, darunter auch Kriegsgefangene. Kriegsgefange wurden aber wohl meist separat nach oder vor Schlachten geopfert und waren sicher nicht freiwillig. Nach der sogenannten Varusschlacht 9 n.u.Z. wurden sicherlich hunderte von Römern den germanischen Göttern vor allem Wotan direkt vor Ort geopfert - wobei dies auch mit Sicherheit als Erfüllung eines Gelübdes einzustufen ist und sich vom Sinn anderer Opferhandlungen unterscheidet.

Da ja die Alte Sitte ab 785 n.u.Z. durch den Übertritt Widukinds nicht mehr die offizielle Religion Südgermaniens war und nach dem 11. Jahrhundert auch nicht mehr in Skandinavien und Island kann man nicht sagen, wie sich die Alte Sitte und das Blót hier verändert hätten. Im Hinduismus nahm die Zahl der Blutopfer jeder Art im Laufe der Zeit ab bis heute. Sicher gibt es auch eine Verbindung zwischen der Häufigkeit von Kriegen und Blutopfern, die im Kriegsfalle massiv anstiegen. Es ist auch eine individuelle Entscheidung und auch jener ganzer Gruppen, ob diese Blutopfer für notwendig hielten oder benötigten und in welchem Masse , um megin zu übertragen. Gerne durchgeführt wurden diese vor allem für Odin jedoch auf jeden Fall auch noch im Jahre 1000 in Skandinavien, das sollte nicht verschwiegen werden.
In Oberdorla wurden zwischen dem 1 und 5. Jahrhundert mindestens 278 Haustiere geopfert, wahrscheinlich aber viel mehr, daneben unzählige Tonkrüge etc., Schmuckgegenstände, Waffen, Schalen mit Getreide etc. Dort wurde noch wohl heimlich bis ins 16. Jahrhundert archäologisch nachweisbar geopfert.

Folgende Worte wurden überliefert, bzw. sind denkbar für den Blótverlauf:

„Es kommen solche die kommen wollen
es bleiben solche die bleiben wollen
Es mögen jene gehen, die gehen wollen
Dieser Ort und dieses Horn sind nunmehr heilig - Vé“

Jetzt wurde evtl. Thor um Beistand gebeten mit den Worten

Thor, Thor, Thor
Schütze diesen Ort
Thor, Thor, Thor
Segne dieses Horn

Véurr ist ein Beinahme Thors und bedeutet „Der Beschützer des heiligen Ortes“


Evtl wurde vor dem Betreten des heiligen Bereiches aus dem Sigrdrifa gesprochen:

„Heil Dagr, Heil Dagsöhne,
Heil Nacht und Nachtsippen
Mit milden Augen schaut auf uns
Und segnet uns die wir hier sitzen.“


„Heil Asen, heil Asinnen,
Heil Dir du heilige Erde
Wort und Weisheit gewährt mir
Und heilende Hände allzeit.“

  Rekonst. Heiligtum am "Ahnenpfad" Nähe Oberdorla



Anschliessend wurde ein Horn mit Met oder wie gesagt Bier gefüllt und dem Gott oder den Göttern geweiht für die das Blót bestimmt ist. Ursprünglich stand nur derjenige, der etwas sagte oder der Gode, man stand nicht zusammen im Kreis, sondern saß.
Die Worte wurden im übrigen „für das Horn“ gesprochen (maela fyrir) und pro Runde wurde nur ein Gott angerufen, möglichst mit demselben Text und für denselben Zweck.

 Jeder der dran war stand auf, nahm einen Schluck aus dem Horn und sprach. „Sei heil“ sagt der der zuerst trinkt „Trink heil“ sagt der der auf das Horn wartet, berichtet Grönbech.
Die lokalen und regionalen Gottheiten und  die Landgeister wurden am Schluss angerufen.

Als schlimmste Beleidigung galt es, eine Trunkrunde im Blót für Flüche zu benutzen, weil damit andere und deren Kraft in die niederträchtige Absicht einbezogen wurden und damit trugen alle eine Mitverantwortung für den Fluch. Nichts zu sagen ist zumindest unstatthaft. Früher verteilten die Goden für letzeres Strafhörner, auf Flüche folgten wohl Blutfehden, denn nichts konnte mehr Haß ausdrücken und entfachen als einen Fluch im Blót  zu sprechen.

Bereits vorher wurden auf den Horgr bzw Harug die Opfergaben gelegt. Ein Horgr wurde traditionell aus Haselruten und Erde hergestellt oder ein Holzaltar oder Stein wurde verwendet. Sollte ein Lebewesen geopfert werden - was natürlich nicht sein musste, sondern konnte - dann ist wurde dies  nach den Trunkrunden enthauptet und das Blut auf die Opferenden gespritzt. Natürlich wurde das Fleisch gegessen - ein wesentlicher Bestandteil des Blóts. Die heutigen dörflichen Schlachtfeste sind ein direkter Nachfahre der Tieropfer-Blóts.

Es wurden keine Opfergaben in das Feuer gelegt! Das scheint  weltweit eine Regel, bei allen Völkern zu sein: Das heilige Feuer bleibt das heilige Feuer und darf nicht verändert werden.

In der  Saga von Hakoon dem Guten Kap. 16 wird ein typisches Blót vor ca. 1000 Jahren beschrieben:
 "Es war eine alte Sitte dass zur Zeit der Opferung alle Sippenangehörigen etc. zum Tempel kamen und alles mitbrachten, was sie für die Opferfestlichkeiten brauchten. Alle Männer brachten Bier mit und alle Arten von Vieh, auch Pferde, die geschlachtet wurden, und alles Blut dass von diesen Tieren kam, wurde "hlaut" genannt und die Kessel in denen es gesammelt wurde nannte man "Hlautkessel". "Hlautbürsten" wurden angefertigt, mit deren Hilfe die Altäre und die Tempelwände aussen und innen mit Blut bespritzt wurden. Auch die Menschen wurden mit Blut bespritzt und das Fleisch wurde gekocht zum Verzehr. Das Feuer war in der Mitte des Tempels und darüber hingen die Kessel und volle Hörner wurden über das Feuer gereicht und der der das Blót veranstaltet und ein Häuptling war, segnet die vollen Hörner und alles Opferfleisch. Als erstes wurde Odins Horn geleert für Sieg und Macht für den König. Danach folgten Njörds und Freyjas Hörner für Frieden und eine gute Ernte. Dann war es Sitte vieler ein Schwur-Horn zu leeren für die Eide, danach folgte ein Erinnerungshorn an verstorbene Freunde und Verwandte."


Bild oben: Matronenheiligtum Pesch
von D. Herdemerten --Hannibal21 
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Bild oben: Altar am Opfermoor Niederdorla
von Metilsteiner Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung 3.0 Unported lizenziert.